A25 Wolf-Hirschhorn Syndrom
R. Koenig

Stand: Januar 2002

DEFINITION UND BASISINFORMATION

Das Wolf-Hirschhorn Syndrom (WHS, MIM 194190) ist ein klinisch gut erkennbares Dysmorphie-Syndrom mit hoher Letalität in den ersten Lebensjahren. Ursache ist eine terminale Deletion des kurzen Arms des Chromosoms Nr. 4. Vermutlich handelt es sich um ein "contiguous gene syndrome" mit der kritischen Region 4 p16.3. Es scheint eine lockere Korrelation zwischen der Größe der Deletion und der Schwere des Phänotyps zu bestehen. 85-90% der Fälle sind auf eine de novo Deletion, überwiegend des väterlichen Chromosoms Nr. 4 zurückzuführen. 10-15% erklären sich durch eine balanzierte Translokation bei einem der Eltern, selten sind de novo Translokationen. Die Häufigkeit beträgt etwa 1:50 000; 2/3 der Patienten sind Mädchen.

LEITSYMPTOME

DIAGNOSTIK

Zielsetzung

Diagnosesicherung zur frühestmöglichen Managementplanung.

Klinische Diagnostik

Die Diagnose kann zumeist klinisch gestellt werden. Leicht ausgeprägte Fälle (Pit-Rogers-Danks Phänotyp) sind wahrscheinlich unterdiagnostiziert.

Labordiagnostik

Die meisten Patienten haben eine mehrere Megabasen große Deletion, die mit einer konventionellen Chromosomenanalyse erkannt wird. Seltener sind kleine Deletionen (Mikrodeletionen), die nur durch eine Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH) bzw. nur in Speziallabors nachgewiesen werden können.

Basisdiagnostik

Augen-, HNO-, Herz-, Nieren-Untersuchung.

THERAPIE

Medikamentöse Therapie

Antikonvulsive Behandlung.

Symptomatische Therapie

Orofaciale Therapie, hochkalorische Ernährung, Krankengymnastik, Ergotherapie, Logopädie - nonverbale Kommunikationsformen.

Chirurgische Therapie

Verschluß der Lippen/Gaumenspalte, Einlage von Paukenröhrchen, Behandlung der Klumpfüße, Gastrostomie.

Therapiekoordination

Kinderarzt, klinischer Genetiker.

BETREUUNG

Neuere Studien zeigen ein breiteres Symptomenspektrum und eine bessere Prognose als die ältere Literatur. Viele Patienten erreichen das Erwachsenenalter. Es gilt deshalb, die Familie früh auf die Symptomatik und die Komplikationen einzustellen und eine kontinuierliche ärztliche Führung, Überwachung und Betreuung sicherzustellen. Einbettung in sozialpädiatrisches Netz. Selbsthilfegruppe.

Ernährungsschwierigkeiten ergeben sich durch Spalte, Schluckstörung, gastroösophagealen Reflux und orale Hypersensitivität, die oft bis zum 5.-7. Lebensjahr anhalten und auch zu rezidivierenden Aspirationspneumonien führen können: Nasensonde, Antazida, Protonenpumpenhemmer, frühe Gastrostomie.

Bei den meisten Patienten treten Krampfanfälle auf (ab 1/2-2 Jahren), die teilweise therapieresistent sind. Neben tonisch-klonischen Anfällen werden im Kleinkindesalter besonders atypische Absencen beobachtet. Mittel der ersten Wahl ist Valproat. Bei mehr als 50% der Patienten sistieren die Anfälle im Schulalter.

Klumpfüße müssen adäquat behandelt werden! 30-50% der Patienten lernen alleine oder mit Unterstützung Laufen. Auf eine konsequente Therapie einer Kyphoskoliose ist zu achten.

Wegen der Häufigkeit ophthalmologischer Symptome und der Schalleitungsschwerhörigkeit sollten regelmäßige Kontrollen erfolgen.

Die meisten Patienten sind psychomotorisch schwer retardiert und viele lernen nicht sprechen. Sie verstehen jedoch einfache Aufforderungen und sind oft in der Lage, mit der Familie eine nonverbale Kommunikation aufzubauen. Einige Patienten können auch mehrere Worte sprechen oder seltener sogar Mehrwortsätze (20%). Etwa 10-15% der Patienten wurden mit etwa 8-14 Jahren tagsüber kontinent.

In der amerikanischen Selbsthilfegruppe gibt es Patienten zwischen 30 und 40 Jahren, so daß auch eine langfristige Perspektive gesichert werden muß.

PRÄVENTION

Genetische Beratung. Deutlich erhöhtes Wiederholungsrisiko falls eine balanzierte Translokation bei einem der Eltern vorliegt. Pränatale Diagnostik.

LITERATUR
  1. Battaglia A, Carey JC, Cederholm P, Viskochil DH, Brothman AR, Galasso C (1999) Natural history of Wolf-Hirschhorn syndrome: experience with 15 cases. Pediatrics 103: 830-836
  2. Schmidt-Choudhury A, Seiffert P, Fuchs J, Pankau R (1997) Wolf-Hirschhorn-Syndrom (Chromosom 4p- Syndrom) Monatsschr Kinderheilk 145: 343-346
  3. Wieczorek D, Krause M, Majewski F, Albrecht A, Horn D, Riess O, Gillessen-Kaesbach G (2000) Effect of the size of the deletion and clinical manifestation in Wolf-Hirschhorn syndrome: analysis of 13 patients with a de novo deletion. Eur J Hum Genet 8: 519-526