A3 Angelman-Syndrom
G. Gillessen-Kaesbach

Stand: Januar 2002

DEFINITION

Das Angelman-Syndrom (AS) ist ein neurogenetisches Krankheitsbild, das mit einer motorischen und geistigen Entwicklungsverzögerung, Epilepsie und einer Ataxie einhergeht. Das Krankheitsbild ist zusammen mit dem Prader-Willi-Syndrom ein wichtiges Beispiel für das Imprinting (elternspezifische Prägung) beim Menschen.

LEITSYMPTOME

Entwicklungsverzögerung, Ataxie, fehlende oder nur minimale Sprache, abnormales EEG mit einem charakteristischen Muster von großamplitudigen Spike-wave-Abläufen, postnatale Mikrozephalie.

DIAGNOSTIK

Zielsetzung

Diagnose möglichst im Neugeborenen- oder Säuglingsalter. Pränatale Diagnostik in Familien mit erhöhtem Wiederholungsrisiko (Imprinting-Center-Deletion, Translokation, UBE 3A-Mutation).

Klinische Diagnostik

Anamnese, klinische Untersuchung, muskuläre Hypotonie, Ataxie, EEG-Veränderungen.

Labordiagnostik

Methylspezifischer-Methylierungstest am SNPRN-Locus; Konventionelle Cytogenetik (Karyotyp, Ausschluss oder Nachweis einer Translokation), Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung zum Nachweis einer Mikrodeletion 15q11-q13, Mutationsanalyse im UBE3A-Gen.

Mikrosatelliten-Analyse auf Familienebene zur Klärung der Ätiologie (maternale Deletion, paternale uniparentale Disomie, Imprintingdefekte).

Bewertung

Bei auffälligem Methylierungsmuster (Fehlen der maternalen Bande) ist die Diagnose eines AS gesichert. Die Mikrodeletion15q11-q13 ist die häufigste Ursache (70% der Patienten mit AS). Der Nachweis erfolgt mittels einer Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung. Falls keine Deletion nachweisbar ist, sollte eine Mikrosatellitenanalyse mit Markern aus der AS-kritischen Region erfolgen. Hierdurch erkennt man Patienten mit paternaler uniparentaler Disomie 15 (7% der Patienten) und Patienten mit Imprinting-Defekten (3% der Patienten). Bei letzteren sollte nach einer Imprinting-Center-Deletion gesucht werden.

Bei Patienten mit unauffälligem Methylierungstest und typischer klinischer Symptomatik sollte dann eine Mutationsanalyse im UBE3A-Gen (ca. 10% der Patienten) erfolgen. Bei Nachweis einer Mutation auch Mutationsanalyse bei der Mutter des Patienten.

Ausschlußdiagnostik

Methylierungstest, Mutationsanlyse im UBE3A-Gen. Damit Erfassung von ca. 90% der Patienten mit einem AS-Phänotyp. Wichtigste Differentialdiagnose ist das Rett-Syndrom, das durch eine Mutationsanalyse im MECP2-Gen molekulargenetisch untersucht werden kann. Im Neugeborenenalter auch überlappende Zeichen zum Prader-Willi-Syndrom, das jedoch mit dem gleichen Test erkannt wird.

Entbehrliche Diagnostik

Muskelbiopsie

Die Klärung der Ätiologie ist hauptsächlich dann sinnvoll, wenn die Frage nach dem Wiederholungrisiko geklärt werden soll.

Durchführung durch

Humangenetiker, Pädiater.

THERAPIE

Kausale Therapie

Entfällt.

Symptomatische Therapie

Krankengymnastik, Ergotherapie, Sprachtherapie.

Medikamentöse Therapie

Antikonvulsiva, bei Hyperaktivität Therapieversuch mit Ritalin, bei Schlafproblemen Sedativa oder Melatonin.

Chirurgische Therapie

Sphinkter-Op bei gastroösophagealem Reflux, Strabismus-Korrektur.

Therapiedurchführung

Pädiater, Sozial-Pädiatrisches Zentrum.

BETREUUNG/REHABILITATION/PROPHYLAXE

Nach Diagnosestellung genetische Beratung der Eltern über Ursache, Verlauf und Prognose der Erkrankung. Weiterleitung in ein Sozial-Pädiatrisches Zentrum.

Kontakt zu Selbsthilfegruppe.

Im 1. Lebensjahr

Ab dem 2. Lebensjahr

Soziale Maßnahmen

LITERATUR
  1. Angelman H (1965) "Puppet children": A report of three cases. Dev Med Neurol 7:681-688.
  2. Clayton-Smith J, Pembrey ME (1992) Angelman syndrome. J Med Genet 29:412-415.
  3. Nicholls RD, Saitoh S, Horsthemke B (1998) Imprinting in Prader-Willi and Angelman syndromes. Trends Genet 14: 194-200.
  4. Williams CA, Zori RT, Hendrickson J, Stalker H, Marum T, Whidden E, Driscoll DJ (1995) Angelman syndrome. Curr Probl Pediatr 25:216-231.