A24 Williams-Beuren-Syndrom (WBS)
Stand: Januar 2002
DEFINITION
Das WBS ist ein Fehlbildungs-Retardierungssyndrom, charakterisiert durch typische Gesichtszüge, Minderwuchs, geistige Entwicklungsstörung, kardiovaskuläre Fehlbildungen (Gefäßstenosen), Nierenfehlbildungen und frühkindliche Hyperkalzämie. Auf ca. 10 000 Neugeborene kommt ein Kind mit WBS.
Es wird verursacht durch Fehlen von Genen (Mikrodeletion) mit Einschluß des Elastin-Gens auf dem proximalen Anteil des langen Arms von Chromosom 7 (7q11.23).
LEITSYMPTOME
Typisches Gesicht: flaches Mittelgesicht, eingesunkene Nasenwurzel, antevertierte Nares, langes Philtrum, volle Lippen, kleine Zähne mit vergrößertem Abstand, sternförmiges Irismuster, kardiovaskuläre Anomalien (vor allem supravalvuläre Aortenstenose), frühkindliche Ernährungsprobleme mit Gedeihstörung, Minderwuchs, mentale Retardierung (Lernstörungen, gute verbale Kommunikation) und charakteristisches Verhaltensmuster (kontaktfreudiges Wesen).
DIAGNOSTIK
Zielsetzung
Diagnosesicherung und Therapieeinleitung so früh wie möglich.
Klinische Diagnostik
Im Säuglingsalter Hyperkalzämie, supravalvuläre Aortenstenose, später typisches Aussehen, typische Verhaltensmuster.
Labordiagnostik
Kalzium, Phosphat, alkalische Phosphatase, Parathormon, UKG, EKG, ggf. Röntgen-Thorax/Herzkatheter, Mikrodeletion am Chromosom 7q11.23 durch Chromosomen-Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH).
Entwicklungsdiagnostik
Im Säuglingsalter Entwicklungsneurologie, später IQ-Testung.
Bewertung
FISH-Analyse mit Mikrodeletionsnachweis sichert die Diagnose.
Differentialdiagnose: im Säuglingsalter isolierte Aortenstenose, später keine.
Ausschlußdiagnostik
FISH-Analyse (Restunsicherheit).
Nachweisdiagnostik
FISH-Analyse.
Entbehrliche Diagnostik
Chromosomenanalyse bei sicherer Diagnose.
Durchführung durch
Pädiater, Kinderkardiologe, Humangenetiker.
THERAPIE
Kausale Therapie
Entfällt.
Symptomatische Therapie
Entwicklungstherapie, kardiologische Behandlung.
Medikamentöse Therapie
Gegebenenfalls Kalzium-Korrektur, Kardiologie.
Chirurgische Therapie
Gegebenenfalls Herzfehler-Korrektur.
Therapiedurchführung
Pädiater, Entwicklungsneurologe, Kinderkardiologe.
BETREUUNG/REHABILITATION/PROPHYLAXE
Allgemein:
Nach Diagnosestellung, evtl. wiederholt, eingehende Aufklärung der Eltern über:
- Ursache
- Verlauf
- Komplikationen
- Medizinische Interventionsmöglichkeiten
- Nichtmedizinische Therapiemöglichkeiten
- Soziale Hilfsmöglichkeiten (Selbsthilfegruppen, Behindertenausweis)
- Genetisches Wiederholungsrisiko (genetische Beratung)
1. Lebensjahr:
- Ernährungsstörung: Gewichtskontrollen
- Wachstumskontrollen
- Elektrolytkontrollen, ggf. Korrektur
- Kardiologische Kontrollen
- Sonographie der Nieren (Nierenfehlbildungen, Nephrokalzinose)
- Entwicklungsdiagnostik und -therapie
Ab dem 2. Lebensjahr:
- Regelmäßige Wachstums- und Gewichtskontrollen
- Kardiologische Überwachung
- Entwicklungsneurologische Kontrollen und Therapie
- Augenärztliche Kontrollen (Strabismus)
- Zahnärztliche Kontrollen
Einleitung sozialer Maßnahmen:
- Aufklärung der Umgebung
- Behindertenausweis
- Kindergarten- und Schulvorbereitung.
LITERATUR
- Francke U (1999) Williams-Beuren syndrome: genes and mechanisms. Hum Molec Genet 8: 1947-1954
- Tassabehji M et al. (1999) Williams Syndrome: Use of chromosomal microdeletions as a tool to dissect cognitive and physical phenotypes. Am J Hum Genet 64: 118-125