A23 Ullrich-Turner-Syndrom (UTS, syn. Turner-Syndrom)
Stand: Januar 2002
ICD-10-Nummer: Q 96.9
DEFINITION UND BASISINFORMATION
Es handelt sich um phänotypisch weibliche Individuen mit in der Regel bestehendem Kleinwuchs, möglichen phänotypischen Merkmalen, ausbleibender spontaner Pubertätsentwicklung, überwiegend primärer Amenorrhö bei Streak-Gonaden aufgrund einer de novo entstandenen Chromosomenkonstitution mit ganz oder teilweisem Fehlen eines der beiden X-Chromosomen. Es kommt bei ca. 1:3000 neugeborenen Mädchen vor.
LEITSYMPTOME
Lineare Wachstumsdefizienz, ausbleibende Pubertät, primäre Amenorrhö, Pterygium colli, periphere Lymphödeme bei Geburt, Dysmorphiezeichen.
DIAGNOSTIK
Folgende Kriterien gelten als diagnostische Hinweise
- Minderwuchs, Geburtsgewicht oft um 3000 g, Erwachsenengröße ohne Therapie 146,8 ± 7 cm, breite Statur, Tendenz zur Adipositas
- Gonadendysgenesie mit rudimentären strangförmigen Ovarien ("streak gonads") bei normalem Uterus und Tuben und präpubertär normalen äußeren Genitalien, hypergonadotroper Hypogonadismus, primäre Amenorrhö (99%), Oligomenorrhö (1%)
- In der Embryonalentwicklung entwickeln sich bis zum Ende des dritten Monats Ovarien, die nicht von den normalen XX-Embryonen zu unterscheiden sind. Danach kommt es zu Störungen der Gonadenentwicklung
- Gesichtsdysmorphie mit verminderter Mimik, epikanthische Falten, Ptosis, Strabismus, enger und hoher Gaumen mit Zahnstellungsanomalien, Veränderungen der Ohrmuscheln
- Kurzer Hals, Flügelfell, tiefe Haargrenze im Nacken, inverser Haaransatz
- Cubitus valgus
- Multiple Pigmentnaevi und Hautfibrome, prominente Venen
- Schildthorax, Pectus excavatum, weiter Mamillenabstand
- Extremitäten: Verkürzung der vierten Metakarpalia und Metatarsalia, Knochenreifungsverzögerung und Osteoporose
- Nierenanomalien: Hufeisennieren, einseitige Agenesie oder Verdoppelung, Rotationsanomalien, obstruktive Nephropathien
- Herzfehler, insbesondere Aortenisthmusstenose, Pulmonalstenose, idiopathische Medianekrose, Aneurysmen und aberrante große Gefäße, Herzklappenveränderungen
- Intelligenz meist normal bei Schwäche von Raumerfassung und Mathematik, Stärke in Sprachen, in einer Minderheit unterdurchschnittliche Intelligenz
- Neugeborene: Hand- und Fußrückenödeme in 5%, Nagelhypoplasien und Nageldystrophien, Ascites, Pleuraerguß und weitere Zeichen von Lymphgefäßdysplasie
- Innenohrschwerhörigkeit, Neigung zu rezidivierenden Otitiden
- Mäßiger Bluthochdruck in ca. 30%
Diagnostische Sicherung des klinischen Verdachts
- Durchführung einer Chromosomenanalyse
- Ätiologisch findet sich in über 50% die klassische Form mit dem 45,XO-Karyotyp. Daneben kennt man bei einem Teil der Patientinnen mit UTS eine große Variabilität von numerischen und strukturellen Anomalien des X-Chromosoms. Strukturelle Anomalien können vorliegen in Form eines Xp-, Ringchromosoms und eines Isochromosoms, das aus zwei langen Armen des X-Chromosoms besteht. Mildere klinische Bilder sind häufig assoziiert mit Mosaik 45,XO/46,XX-Karyotyp. Die Ausprägung des klinischen Bildes ist dabei je nach zahlenmäßigem Verhältnis der Zellinien unterschiedlich ausgeprägt. Darüber hinaus kann auch ein Mosaik auftreten mit dem Karyotyp 45,XO/46,XY.
- Im Gegensatz zu den Trisomien nimmt die Häufigkeit des UTS mit steigendem Alter der Mutter nicht zu. Wahrscheinlich entsteht die Monosomie 45,XO durch den postmeiotischen Verlust eines X- bzw. eines Y-Chromosoms.
- 98-99% der Feten mit Ullrich-Turner-Syndrom werden spontan abortiert. 90-95% aller Konzeptionen mit diesem Karyotyp zeigen im allgemeinen massiven Hydrops.
- Endokrinologische Diagnostik (niedriger Östrogen-, hoher Gonadotropinspiegel)
- Herzecho
- Sonographie der Nieren
- Hörtest
Zusammenstellung einer gebräuchlichen Auswahl apparativer diagnostischer Verfahren
Echokardiographie ca. 1-2jährlich zur frühzeitigen Erfassung von strukturellen Herzklappenveränderungen.
Bewertung einzelner diagnostischer Verfahren
Endgültige Diagnose erbringt die Chromosomenanalyse aus Lymphozyten, im Zweifelsfall aus Hautfibroblasten.
Ausschlußdiagnostik
Eine weitere Diagnostik ist nicht erforderlich, da die Chromosomenanalyse eindeutige Ergebnisse liefert.
Nachweisdiagnostik
Ausschließlich Chromosomenanalyse.
Hinweise, wer welche diagnostischen Prozeduren ausführen soll
Pädiater, Endokrinologen, Kinder- und Jugendgynäkologen, Klinische Genetiker.
THERAPIE
Symptomatische Behandlung
Lymphdrainage bei Ödemen, ggf. HNO-fachärztliche Betreuung; in manchen Fällen ist eine Versorgung durch Hörgeräte erforderlich.
Medikamentöse Therapiemaßnahmen
Wachstumshormontherapie ab 6.-8. Lebensjahr in einem pädiatrisch-endokrinologischen Zentrum (Ansprechen auf Therapie sehr variabel).
Hormonelle Substitution zum Einleiten einer zeitgerechten Pubertät und Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale ab einem Knochenalter von 12 Jahren (möglichst durch pädiatrischen Endokrinologen); dann dauerhaft Substitutionstherapie von Östrogenen und Gestagenen.
Chirurgische Therapiemaßnahmen
Eventuelle Operation bei Vorliegen von Herzfehler oder operationsbedürftigen Nierenanomalien, präventive Gonadektomie bei Vorhandensein von Y-Chromosomenanteilen, da Gefahr der Malignitätsentwicklung besteht.
Therapiedurchführung
Pädiater in Zusammenarbeit mit pädiatrischen Endokrinologen, im Erwachsenenalter Frauenärzten, (evtl. Hausärzten).
BETREUUNG
- Psychische Unterstützung von Eltern und Heranwachsenden - soweit gewünscht
- Hormonelle Kontrolluntersuchungen nach Therapieeinleitung
- Soziale Hilfsmöglichkeiten (Selbsthilfegruppe)
- (Eventuell zukünftig Fertilität durch Ovumtransfer)
LITERATUR
- Wiedemann H-R, J Kunze (eds.) 2001: Atlas der klinischen Syndrome. Schattauer Verlag, Stuttgart-New York, 5. Auflage, 92-93 (1995)
- Schinzel A (1996) in Leiber: Die klinischen Syndrome (eds. G. Adler, G. Burg, J. Kunze, D. Pongratz, A. Schinzel, J. Spranger), S. 861-862. Urban & Schwarzenberg Verlag, München-Wien-Baltimore
- Nathwani NC, Unwin R, Brook CG (2000): The influence of renal and cardiovascular abnormalities on blood pressure in Turner syndrome. Clin Endocrinol Oxf. 52 (3): 371-377
- Chernausek SD; Attic KM, Cara JF (2000): Growth hormone therapy of Turner syndrome. J Clin Endocrinol Metab 85 (7): 2439-2445