A1 Achondroplasie
Stand: Januar 2002
DEFINITION
Die Achondroplasie ist die häufigste Form des dysproportionierten Kleinwuchses. Sie ist bedingt durch Mutation des Gens für Fibroblasten-Growth-Factor-Rezeptor (FGFR). Die Erkrankung wird autosomal dominant vererbt.
LEITSYMPTOME
Kurzgliedriger Kleinwuchs mit Makrozephalie.
DIAGNOSTIK
Zielsetzung
Diagnose spätestens bei der Geburt. Pränatale Diagnose falls Mutter oder Vater selbst erkrankt sind.
Klinische Diagnostik
Kleinwuchs, kurze Extremitäten.
Apparative/Labordiagnostik
Röntgenaufnahmen des Skeletts.
Molekularbiologie: Selten erforderlich. Nachweis der FGFR-Mutation in Chorionzotten oder Amnionzellen zur Pränataldiagnostik oder bei schwieriger Differentialdiagnose zur Hypochondroplasie oder thanatophorer Dysplasie.
Bewertung
Röntgen:
- Wirbelsäule seitl: Wirbelkörper ap-verkürzt, dorsal gekehlt
- Becken ap: kurze, quadratische Beckenschaufeln, kraniokaudale Abnahme des lumbalen Interpedicularabstands, Eichelform der proximalen Femurenden beim Neugeborenen; später große, wohlgeformte Epiphysenkerne und kurzer Schenkelhals
- Unterschenkel ap: verkürzte, breite Röhrenknochen, wesentlich normale Epiphysenkerne, relativ lange Fibula
- Hände: verkürzte, breite Röhrenknochen, normale Epiphysenkerne; Dreizackhand
- Schädel: Makrozephalie
Nachweisdiagnostik
Spezifische Röntgenveränderungen.
Ausschlußdiagnostik
Röntgenologisch, selten auch molekularbiologisch, zum Ausschluß insbesondere von thanatophorer Dysplasie und Hypochondroplasie.
Entbehrliche Diagnostik
Röntgenaufnahmen nach Erstdiagnose.
Molekularbiologische Verfahren bei eindeutig klinisch-radiologischer Diagnostik.
Durchführung der Diagnostik
Pädiater, erfahrener Kinderradiologe. Selten Molekulargenetiker.
THERAPIE
Symptomatische Behandlung
Verhütung von Komplikationen (siehe Tertiärprävention).
Medikamentöse Therapie
Keine.
Interventionelle Therapie
Bei Komplikationen.
Chirurgische Therapie
Bei Komplikationen.
REHABILITATION
Wichtigste Voraussetzung einer normalen psychosozialen Entwicklung ist die Akzeptanz der Besonderheit des Kindes durch die Eltern. Endgröße um 130 cm, normale geistige Entwicklung, überwiegend positive Lebenseinstellung und Lebensqualität, Integration in Normalschule, selbständige Lebensführung ist die Regel. Selbsthilfegruppe.
PRÄVENTION
Primäre Prävention
Durch genetische Beratung nur möglich bei Erwachsenen mit Achondroplasie. Eltern jedoch meist gesund und Geburt eines Kindes mit Achondroplasie nicht vorhersehbares Zufallsereignis durch Spontanmutation. Empirisches Wiederholungsrisiko einer Achondroplasie bei gesunden Eltern ca. 2/10 000 [0,02%] aufgrund germinalen Mosaiks eines Elternteils. Mutationsrate steigt mit väterlichem Alter.
Sekundärprävention
Nicht möglich.
Tertiärprävention
1. Lebensjahr:
Zentrale und obstruktive Apnoen - evtl. Schlaflabor, Monitorüberwachung zur Verhütung des plötzlichen Kindstods.
2.-6. Lebensjahr:
- Rezidivierende Luftwegsinfektionen, Otitiden, Schalleitungsschwerhörigkeit, verzögerte Entwicklung von Sprachverständnis: Adenoidektomie, Hörprüfung
- Überproportionales Schädelwachstum. Schädelsonographie, neuroradiologisch-chirurgische Maßnahmen nur bei Verlassen der krankheitsspezifischen Schädelumfangskurve
- Neurologische Ausfälle durch kraniozervikale oder Spinalstenose: MRI Schädel, Rückenmark; somatisch evozierte Potentiale, evtl. operative Erweiterung des Foramen occipitale, selten Laminektomie erforderlich
- Muskelhypotonie bessert sich spontan
- Deformitäten:
- Hyperlordose: Krankengymnastik zur Kräftigung der Bauchmuskulatur.
- Dorsolumbale Kyphose bei ausgeprägter Muskelhypotonie. Kann selten zu Keilwirbel-Deformität und fixierter thorakolumbaler Kyphose führen. Effektivität von Korsett-Behandlung unsicher. Krankengymnastik zur Stärkung der Rückenstrecker.
- Crura vara mit überproportionalem Wachstum der Fibula: evtl. Epiphyseodese der distalen Fibula. Korrekturosteotomie in diesem Alter selten indiziert
Schulkinder, Adoleszenten:
- Adipositas vermeiden. Rückengymnastik mit Bauchmuskeltraining (Hyperlordose)
- Orthodontische Konsultation bei Progenie
- Operative Beinverlängerung ab ca 14. Lebensjahr bei ausdrücklichem Wunsch und Kooperation des Jugendlichen, evtl. verbunden mit Korrektur der Crura vara. Längengewinn von 10-15 cm gegen Aufwand und Komplikationsgefahr abwägen
LITERATUR
- American Academy of Pediatrics; Committee on Genetics (1995) Health Supervision for children with achondroplasia. Pediatrics 95: 443-451