A10 Klinefelter-Syndrom
Stand: Januar 2002
ICD-10-Nummer: Q98.4
DEFINITION UND BASISINFORMATION
Das Klinefelter-Syndrom ist gekennzeichnet durch einen hypergonadotropen Hypogonadismus, dessen Ursache eine numerische Anomalie der Geschlechtschromosomen ist. Die erste ausführliche Beschreibung des Phänotyps erschien 1942 durch den amerikanischen Endokrinologen Harry F. Klinefelter.
Knaben und Männer mit dem klassischem Klinefelter haben neben dem Y-Chromosom zwei statt einem X-Chromosom. Der Chromosomenbefund 47,XXY wird in 80% der Knaben und Männer mit Klinefelter-Syndrom gefunden. In ca. 6% liegt ein chromosomales Mosaik einer normalen Zellinie und einer Zellinie mit dem Befund 47,XXY vor. Bei dem verbleibenden Teil der Fälle findet man in der Chromosomenanalyse mehr als zwei X-Chromosomen. Ursache für das Klinefelter-Syndrom ist eine Fehlverteilung des X-Chromosoms in der väterlichen (53%) oder mütterlichen (43%) Reifeteilung. Sehr selten (ca. 3%) sind Fehlverteilungen des X-Chromosoms nach der Befruchtung (Mitose).
Häufigkeit 1:500-1000.
LEITSYMPTOME
Hochwuchs ab dem Kindesalter, verzögerte Pubertät, hypergonadotroper Hypogonadismus, Azoospermie, Infertilität.
DIAGNOSTIK
Zielsetzung
Diagnosesicherung wichtig zur ursächlichen Abklärung von möglichem Hochwuchs, Lernschwierigkeiten oder verzögerter Pubertät.
Folgende Kriterien gelten als diagnostische Hinweise
- Im Kindesalter: extremitätenbetonter Hochwuchs (ab dem 4.-5. Lebensjahr), Hodenhochstand, Hypospadie, verzögerte motorische Entwicklung und Sprachentwicklung, Lernschwierigkeiten (verkürzte Aufmerksamkeitsspanne, Beeinträchtigung des Kurzzeitgedächtnis), Passivität
- In der Pubertät: verzögertes Eintreten der Pubertät, Gynäkomastie (in 50% der Fälle), kleine Hoden
- Im Erwachsenenalter: Stammadipositas, Antriebsschwäche, Erektionsstörungen, Infertilität, reduzierte Ausbildung der männlichen Geschlechtsbehaarung, Diabetes mellitus (in 8% der Fälle), Unterschenkelvarikosis (in 11-41%), erhöhtes Osteoporoserisiko
- Bei dem Karyotyp 48,XXXY stärkere Genitalhypoplasie, variable Dysmorphiezeichen, Retardierung
- Bei dem Karyotyp 49,XXXXY eher Wachstumsretardierung, stärker verzögerte Sprachentwicklung und mentale Retardierung, sowie Gelenküberstreckbarkeit
Bewertung
Der Phänotyp ist variabel. Ein Teil der Knaben mit Klinefelter-Syndrom bleibt bis zur Pubertät oder bis ins Erwachsenenalter unauffällig.
Ausschlußdiagnostik
Unauffälliger Chromosomenbefund.
Nachweisdiagnostik
Durchführung einer Chromosomenanalyse aus Lymphozyten.
Durchführung durch
Pädiater, Klinische Genetiker, Endokrinologen (im Erwachsenenalter).
THERAPIE
Symptomatische Therapie
Bei Retardierung Entwicklungstherapie (Logopädie, Krankengymnastik, Psychomotorikgruppen).
Medikamentöse Therapie
Testosteronsubstitution bei Testosteronmangel (in Abhängigkeit vom Lebensalter und von endokrinologischen Befunden: Depot-Injektion, oral, Testosteronpflaster) ab Beginn des 11. bis 12. Lebensjahres
Chirurgische Therapiemaßnahmen
Evtl. selten Mastektomie.
Therapiedurchführung
Pädiater, Endokrinologen.
BETREUUNG/REHABILITATION
- Im Kindesalter: einmalige kinderendokrinologische Untersuchung (Kontrolle der Lage der Hoden, Messung der Körperlänge) bei Diagnosestellung im Kindesalter
- In der Pubertät: jährliche kinderendokrinologische Vorstellung bzw. halbjährliche Vorstellung bei verzögertem Eintreten der Pubertät, Kontrolle von Testosteron, LH, FSH, Untersuchung Brust (Gynäkomastie) und Genitale
- Im Erwachsenenalter: jährliche endokrinologische Untersuchung, Kontrolle der Testosteronwerte, Bestimmung der Knochendichte zwei- bzw. dreijährlich, jährliche Untersuchung der Prostata unter Hormontherapie, im Erwachsenenalter im Vergleich zur Normalpopulation 20fach erhöhtes Risiko für eine Brustkrebserkrankung, andere Neoplasien treten in 1,6% der betroffenen Männer mit Klinefelter-Syndrom auf (z.B. extragonadale Keimzelltumoren)
- Aufklärung der Eltern über Ursache des Klinefelter-Syndroms, eventuelle Probleme sowie die Existenz einer Selbsthilfegruppe
LITERATUR
- Amory JK, Anawalt BD, Paulsen CA, Bremner WJ (2000) Klinefelter's syndrome. Lancet 356, 333-335.
- Jockenhövel F, Reinwein D (1992) Klinefelter-Syndrom. Neue Erkenntnisse zur Klinik und Therapie. Deutsche Medizinische Wochenzeitschrift 117, 383-389
- Nielsen J, Pelsen B (1987) Follow-up 20 years later of 34 Klinefelter males with karyotype 47; XXY and 16 hypogonadal males with karyotype 46, XY. Human Genetics 77, 188-192
- Schinzel A: Human gytogenetics database. Oxford: Oxford University Press (1994)
- Smyth CM, Bremner WJ (1998): Klinefelter syndrome. Arch Intern Med 158, 1309-1314