A19 Rett-Syndrom
Stand: Januar 2002
DEFINITION
Das Rett-Syndrom ist die häufigste Form der genetisch bedingten mentalen Retardierung beim Mädchen (Inzidenz 1:10 000-15 000) und ist gekennzeichnet durch Entwicklungsstagnation mit anschliessend fortschreitendem Verlust erworbener Fähigkeiten und Entwicklung von autistischen Verhaltensmustern. Als (Haupt-)Ursache wird ein Defekt im X-chromosomal kodierten MeCP2-Gen (Transkriptionsfaktor) angesehen, der in der Regel sporadisch auftritt und im hemizygoten Zustand des männlichen Geschlechts letal wirken soll.
LEITSYMPTOME
- Präklinisches Stadium (Geburt - ca. 6 Monate): unauffällige Familien-, Schwangerschafts- und Geburtsanamnese, normaler Kopfumfang, normale frühkindliche Entwicklung
- Stadium I (6 Monate - ca. 18 Monate): Stagnation der psychomotorischen Entwicklung, Dezeleration des Kopfumfangs, abnormes Schreien, Hypotonie
- Stadium II (ca. 1-4 Jahre): Regression von erworbenen Fähigkeiten, besonders der sozialen Kontaktaufnahme (visuell, sprachlich), Verlust von sinnvollen Handfunktionen (motorische Dyspraxie), Entwicklung von stereotypen ("waschenden") Handbewegungen, Bruxismus, Gangapraxie, stammbetonte Hypotonie und Ataxie, Hyperventilation mit Atempausen
- Stadium III (ca. 2-10 Jahre): zunehmende Muskeltonus-Störungen (Rigor, Dyskinesien), Ernährungs- und Schlafstörungen, Hyperventilationen mit Aerophagie, epileptische Anfälle (bei 60%), Entwicklung von Skoliosen, Hand- und Fussdeformitäten, Nageldysplasien
- Stadium IV (ca. 10 Jahre und älter): Verbesserung der visuellen Kommunikation (Augenkontakt) und gewisser Handfunktionen, frühe Pubertät bei persistierender Wachstumsretardierung, Kyphoskoliosen, Gehverlust, Muskelatrophien, z.T. persistierende epileptische Anfälle
DIAGNOSTIK
Zielsetzung
Diagnosestellung so früh wie möglich mit Therapieeinleitung und Beratung der Eltern.
Klinische Diagnostik
Das Rett-Syndrom muss in den ersten Lebensjahren bei jedem Mädchen mit einer psychomotorischen Entwicklungsstörung bis zum Beweis des Gegenteils vermutet werden. Wegweisend ist neben dem klinischen Verlauf die sekundäre Mikrozephalie und Wachstumsretardierung, besonders von Händen und Füssen. Später erlauben die mehr oder weniger typischen Leitsymptome eine rasche (Blick-)Diagnose.
Labordiagnostik
Labor- und biochemische Auffälligkeiten in Urin, Blut oder Liquor sind uneinheitlich und nicht diagnostisch verwertbar.
Schlaf-EEG-Ableitungen sind diagnostisch hilfreich und zeigen frühzeitig Spikes und Sharp-wave-Entladungen in der Einschlafphase.
Kraniale Bildgebungen (CCT, MRT) sind uncharakteristisch verändert in Form einer in den ersten Lebensjahren progredienten Hirnatrophie mit besonderer Betonung des Frontalhirns und des Kleinhirns.
Die transkranielle Magnetstimulation zeigt eine - in Verbindung mit der Entwicklungsstörung - pathognomonische Verkürzung der zentralen Leitungszeiten.
Die molekulargenetische Analyse des MeCP2-Gens erfasst Exon-Mutationen in ca. 80% der Fälle.
Bewertung, Nachweisdiagnostik
Die Diagnose wird anhand von anamnestischen und klinischen Kriterien gestellt. Neben den Perzentilenkurven für die Körpermaße stellt die EEG-Ableitung im Schlaf in den ersten Lebensjahren das wichtigste diagnostische Instrument dar. Die Analyse des MeCP2-Gens kann das Rett-Syndrom in der Mehrzahl der Fälle molekulargenetisch bestätigen.
Differentialdiagnose, Ausschlussdiagnostik
Durch umfangreiche Untersuchungen müssen neurodegenerative, -metabolische und -genetische Erkrankungen ausgeschlossen werden, insbesondere: tuberöse Sklerose, neuronale Zeroidlipofuszinose, West-Syndrom, Organo- und Aminoazidopathien (z.B. Glutarazidurie Typ I), Harnstoffzyklus-Störungen (z.B. heterozygoter OTC-Mangel), Purin- und Pyrimidin-Störungen, CDG-Syndrom, fragiles X-Syndrom, Angelman-Syndrom, frühkindlicher Autismus.
Entbehrliche Diagnostik
Die MeCP2-Analyse ist nur bei zweifelhaften Fällen und den - extrem seltenen - Fällen eines männlichen Rett-Syndroms erforderlich.
Durchführung der Diagnostik
Neuropädiater, Pädiater.
THERAPIE
Kausale Therapie
Entfällt.
Symptomatische Therapie
Multimodal fördernde Entwicklungstherapie, Physiotherapie, konservative Behandlung der orthopädischen Komplikationen (Kontrakturen, Skoliosen).
Medikamentöse Therapie
Bei epileptischen Anfällen: Sultiam, Carbamazepin/Oxcarbazepin, Valproinsäure, Lamictal.
Bei Unruhezuständen: Versuch mit Naltrexon, Pipamperon.
Chirurgische Therapie
Perkutan-endoskopische Gastrostomie (PEG-Sonde) bei Ernährungsstörungen mit Dystrophie.
Orthopädische Operationen frühzeitig bei progredienten Skoliosen und Kontrakturen.
Durchführung der Therapie
Kinderarzt (Hausarzt) in Zusammenarbeit mit neuropädiatrischem oder sozialpädiatrischem Zentrum.
BETREUUNG/REHABILITATION/PROPHYLAXE
Allgemein
Nach Diagnosestellung eingehende Aufklärung der Eltern über
- Ursache
- Verlauf
- Komplikationen
- Prognose
- Medizinische Therapiemöglichkeiten (Förderkonzepte, medikamentöse/operative Therapien)
- Soziale Hilfsmöglichkeiten (Selbsthilfegruppe, Behindertenausweis, Pflegestufe)
- Genetisches Wiederholungsrisiko (humangenetische Beratung)
Säuglings- und Kindesalter
- Überwachung der psychomotorischen Entwicklung
- Entgegenwirken von pathologischen Bewegungsmustern mittels Physiotherapie (passiv und aktiv)
- Stimulation sämtlicher Sinnesqualitäten mittels dosierten Förderkonzepten, insbesondere Musiktherapie, logopädischer Therapie, orofaziale Stimulationstechnik nach Castillo-Morales
- Unterstützung kommunikativer Fähigkeiten (z.B. Bildkarten, PC-unterstützte Systeme)
- Monitoring der Flüssigkeits- und Nahrungszufuhr (häufige, kleine Mahlzeiten)
- Überwachung von Körpergewicht und -länge
- Registrierung von epileptischen Anfällen, Einleitung antikonvulsiver Therapien
- Orthopädische Kontrollen zur frühzeitigen Erfassung von operationsbedürftigen Skoliosen und Kontrakturen
- Regelmässige Überprüfungen des Zahnstatus
Adoleszenten- und Erwachsenenalter
- Fortsetzung der orthopädischen und zahnärztlichen Kontrollen
- Kardiologische Kontrolluntersuchungen auf sekundäre Herzbeteiligungen
- Monitoring der Pubertät, ggf. endokrinologische Diagnostik
- Intensivierung physiotherapeutischer, beschäftigungstherapeutischer und kommunikationsfördernder Massnahmen
- Planung von langfristigen Integrationsmöglichkeiten
LITERATUR
- Rett A (1966) Über ein eigenartiges hirnatrophisches Syndrom bei Hyperammonämie im Kindesalter. Wien Med Wochenschr 166: 723-738
- Hagberg B (1985) Rett syndrome: Criteria for inclusion and exclusion. Brain Dev 7: 372-373
- Hagberg B (1993) Rett syndrome - Clinical and biological aspects. Clinics in Developmental Medicine, No. 127. MacKeith Press, Cambridge
- Hanefeld F, Hagberg B, Percy A (Eds) (1995) Molecular and neurobiological aspects of Rett syndrome. Neuropediatrics 26: 57-128
- Hagberg B (1997) Condensed points of diagnostic criteria and stages in Rett syndrome. Eur Child Adolesc Psychiatry 6 (Suppl 1): 2-4
- Huppke P, Laccone F, Kramer N, Engel W, Hanefeld F (2000) Rett syndrome: Analysis of MeCP2 and clinical characterization of 31 patients. Hum Mol Genet 22: 1369-1375