A5 Catch 22
Stand: Januar 2002
DEFINITION
Sammelbegriff für verschiedene Phänotypen bedingt durch eine submikroskopische Deletion der Chromosomenbande 22q11. Das Acronym setzt sich zusammen aus: Cardiac defects, Abnormal facies, Thymic hypoplasia, Cleft palate und Hypocalcemia.
LEITSYMPTOME
Bevor die submikroskopische Deletion bekannt war, wurden die Patienten dem Di-George-Syndrom oder dem Velocardiofazialem Syndrom zugeordnet. Im frühen Säuglingsalter können folgende Kriterien zur Verdachtsdiagnose führen: komplexe Herzfehler, insbesondere conotruncale Malformationen, transitorische oder persistierende Hypokalzämie, Spaltbildung des harten und weichen Gaumens und Fütterungsschwierigkeiten. Nahezu alle Kinder haben eine faziale Dysmorphie mit Ohrmuschelanomalien, hypoplastischen Nasenflügeln und prominentem Nasenrücken, die den Erfahrenen eine "Blickdiagnose" erlauben. Im Kleinkindalter werden Sprech- und Sprachverzögerungen nachweisbar, die zu Lernbehinderungen beitragen. Ca. 15-20% haben Konzentrationsschwäche, Hyperaktivität, Aggressivität, Antriebsschwäche, Lern- und Verhaltensstörungen und milde mentale Retardierung.
DIAGNOSTIK
Zielstellung
Beim geringsten Verdacht ist die Diagnostik zu veranlassen. Teilaspekte der Erkrankungen sind schwer faßbar, erfordern aber therapeutische Konsequenzen, insbesondere werden hypokalzämische Krämpfe fehlgedeutet. Die komplexen Fehlbildungen des Herzen und der großen Gefäße erfordern diagnostische und therapeutische Maßnahmen. Das familiäre Vorkommen (ca. 6%) ist auszuschließen und Sprech- und Spracherziehungen sind rechtzeitig einzuleiten.
Labordiagnostik
Zytogenetische und molekularzytogenetische Diagnostik
Bei klinischen Verdacht ist bei über 95% der Patienten durch den Nachweis der submikroskopischen chromosomalen Deletion durch Fluroeszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH) mit DNA-Sonden aus der chromosomalen Region 22q11 die Diagnose zu sichern. In weniger als 1% können mit einer konventionellen Chromosomenanalyse unbalancierte Translokationen nachgewiesen werden. Eine molekulargenetische Analyse von Punktmutationen befindet sich noch im Stadium der Forschung. Bei typischem CATCH-Phänotyp kann in seltenen Fällen eine Mikrodeletion 11p vorliegen.
Laborchemische Kontrollen
Erfordern Bestimmung von Calcium und Parathormon im Serum. Im späteren Alter ist ein Ausschluss einer Hypothyreose (TSH und T4) sowie einer Thrombozytopenie erforderlich.
Immunologische Kontrollen
T-Zellfunktionsdiagnostik, insbesondere bei rezidivierenden Infekten und bei juveniler rheumatoider Arthritis ähnlichen Symptomen im späteren Alter. In Frage kommen: Zahl der T-Lymphozyten, Oberflächenantigene und T-Zellfunktionen.
Kardiologische Diagnostik
Kardiosonografie und gegebenenfalls Herzkatheterismus. Typische Fehlbildungen sind unterbrochener Aortenbogen, rechtsseitiger Aortenbogen, VSD, Truncus arteriosus communis, Fallotsche Tetralogie und Pulmonalstenose.
Entwicklungsdiagnostik
Entwicklungsneurologische Kontrollen, insbesondere der kognitiven Funktionen. Psychische Krankheiten wie Schizophrenie, schizoaffektive und bipolare Psychosen können sich beim Erwachsenen entwickeln.
Logopädische Diagnostik
Die hypernasale Sprache und die verzögerte Sprech- und Sprachentwicklung können Ausdruck einer velopharyngealen Insuffizienz sein.
Humangenetische Beratung/Pränataldiagnostik
In ca. 6% sind Eltern betroffen. Ist ein Elternteil betroffen, besteht eine 50%-ige Wiederholungswahrscheinlichkeit bei seinen Nachkommen. Die Diagnose kann schon durch pränatale Karyotypisierung und FISH-Diagnostik aus Chorion bzw. Amniozytenkultur mittels FISH gestellt werden. Sind nahe Verwandte unter dem dringenden Verdacht eines Di-George-Syndroms verstorben, kann auch an isolierten Zellkernen von histologischen Präparaten eine Diagnostik durchgeführt werden.
Entbehrliche Diagnostik
Molekulargenetische Diagnostik.
Durchführung der Diagnostik
Pädiater, Klinische Genetik.
THERAPIE
Kausale Behandlung
Nicht möglich.
Symptomatische Behandlung
Entwicklungsgymnastik. Langjährige Sprachtherapie allgemein mit Hilfe spezieller Computerprogramme. Velopharyngeale Plastik erwägen.
Medikamentöse Therapie
Adäquate Therapie bei Hypokalzämie
Substitution bei Hypothyreose.
Interventionelle Therapie
Bei entsprechenden kardiologischen Befunden.
Chirurgische Therapie
Kieferchirurgische Behandlung der Spalten im hartem und weichem Gaumen, eventuelle Velopharyngeale Plastik. Kardiochirurgie.
REHABILITATION
Wegen der Sprech- und Sprachverzögerung werden die Kinder fehlerhaft als "geistig behindert" eingestuft. Bei optimaler Sprech- und Sprachtherapie ist die Umschulung in eine Normalschule möglich.
PRÄVENTION
Primäre Prävention
Bei familiären Vorkommen ist durch eine humangenetische Beratung auf die hohe Wiederholungswahrscheinlichkeit von 50% hinzuweisen.
Sekundäre Prävention
Anomalien der großen Gefäße, insbesondere Arteria lusoria, können zu Obstruktionen im Mediastinum führen und bei erforderlichen Intubationsnarkosen Komplikationen verursachen.
Anomalien des Gaumens haben Otitis media und Schallleitungsschwerhörigkeit zur Folge. Indikation zur Adenotomie prüfen. Nicht richtige Einordnung der hypokalzämischen Krämpfe können zu sekundären Hirnschäden führen.
LITERATUR
- McDonald DM et al. 22q11 Deletion Syndrome.
http://www.geneclinics.org/profiles22q11deletion. - König R (1997) CATCH 22. Der Kinderarzt 28: 43-48.
- Ryan AK et al. (1997) Spectrum of clinical features associeted with interstitial chromosome 22q11 deletions: a European collaborative study. J Med Genet 34: 798-808.