Q 7.2 Artifizielle Störungen
H. J. Freyberger

  1. Diagnostische Voraussetzungen Q 7.2 - 1
  2. Therapie Q 7.2 - 2
  3. Kasuistik Q 7.2 - 3

Kernaussagen:

  • Artifizielle Störungen zeichnen sich durch eine heimliche invasive Selbstbeschädigung des eigenen Körpers oder durch eine stellvertretende Schädigung eines kindlichen Körpers aus.
  • Zu Grunde liegt eine schwere persönlichkeitsstrukturelle Störung, es können drei verschiedene Syndrome (Kerngruppe artifizielle Störung, Münchhausen-Syndrom und Münchhausen-by-proxy-Syndrom) unterschieden werden.
  • Primäre therapeutische Ziele sind eine angemessene Diagnosenstellung, der Aufbau einer stabilen Arzt-Patient-Beziehung, indirekte Konfrontationsarbeit mit dem destruktiven Agieren, Erhöhung der Motivation zur Psychotherapie und die Einleitung einer psychotherapeutischen Behandlung.

Diagnostische Voraussetzungen
Q 7.2 - 1

Artifizielle Störungen stellen in der Mehrzahl der Fälle schwere persönlichkeitsstrukturelle Störungen dar, die auf einer Reinszenierung kumulativer realer Traumata (z.B. schwere Misshandlung, soziale Deprivation) beruhen.

Einer angemessenen psychiatrischen Diagnosestellung einer sich hinter körperlichen Symptomen verbergenden primären psychischen Störung kommt damit zentrale Relevanz zu.

Definition:

Unter dem Begriff der artifiziellen Störungen werden körperliche oder psychische Krankheitssymptome zusammengefasst, die durch den Betroffenen selbst vorgetäuscht, aggraviert oder von ihm selbst künstlich erzeugt werden.

Abhängig vom Krankheitsverhalten werden 3 Syndrome unterschieden, denen z.T. unterschiedliche therapeutische Interventionen zuzuordnen sind:

Differenzialdiagnostisch sind in erster Linie zu Grunde liegende körperliche Erkrankungen auszuschließen, wobei 20-30% der Patienten eine Komorbidität mit einer chronischen körperlichen Erkrankung aufweisen, in die das artifizielle Agieren gewissermaßen eingebettet wird. Abzugrenzen ist zudem selbstschädigendes Verhalten im Zusammenhang mit anderen psychischen Störungen, etwa bei schizophrenen Erkrankungen oder Persönlichkeitsstörungen.

Therapie
Q 7.2 - 2

"Behandlungsspirale":

Der erste zentrale Therapieansatz stellt den Aufbau einer stabilen Arzt-Patient-Beziehung dar, die zumeist durch den bereits im Verdachtsfall hinzugezogenen psychiatrischen Konsiliararzt realisiert werden sollte.

Als effektiv hat sich am ehesten eine Intervalltherapie mit wiederholten stationären Aufnahmen und zwischengeschalteten ambulanten Therapiephasen gezeigt.

Übergeordnetes Ziel jeder Therapie ist es, gemeinsam mit den Patienten die Mechanismen der Störung und ihre biographische Einbettung herauszuarbeiten und zu einer Reduktion der Selbstgefährdung beizutragen.

CAVE:

  • Bei vitaler Gefährdung des Patienten oder der betroffenen Kinder hat eine Behandlung auch gegen den expliziten Willen des Patienten zu erfolgen.
  • Bei (unmittelbarer) Gefährdung des Kindes im Rahmen eines Münchhausen-by-proxy-Syndroms ist Anzeige zu erstatten, das Jugendamt einzuschalten, um eine richterliche Entscheidung zum weiteren Schutz des misshandelten Kindes zu erwirken.

Im Hinblick auf psychopharmakologische Behandlungsansätze liegen derzeit keine Daten aus kontrollierten Studien oder Anwendungsbeobachtungen vor. Die Effektivität der Behandlung dieser Patientengruppe ist im Wesentlichen nur durch Einzelfallstudien belegt.

Kasuistik
Q 7.2 - 3

Anamnese

Eine 28-jährige, ledige Krankenschwester wird dem psychiatrischen Konsiliararzt in der chirurgischen Notfallambulanz des Klinikums vorgestellt, nachdem sie sich mit Kniebeschwerden rechts akut vorgestellt hatte und der Verdacht auf eine eitrige Kniegelenksentzündung durch Selbstinjektion von Kot formuliert worden war.

Therapie

Wegen fortgesetzter Eigengefährdung wird vom psychiatrischen Konsiliarius eine Zwangseinweisung nach psychiatrischem Krankengesetz (PsychKG) veranlasst und die Patientin in die psychiatrische Klinik eingewiesen. In der folgenden 6-wöchigen stationären Behandlung gelingt mit der Patientin eine ansatzweise Bearbeitung ihres selbstdestruktiven Agierens und die Anbindung an die psychiatrische Poliklinik zur prognostischen Sicherung des Therapieerfolges.

Literatur
  1. Fiedler P: Dissoziative, vorgetäuschte und Impulskontrollstörungen. In: Margraf J (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie. Band 2. Springer, Berlin, Heidelberg (1999)
  2. Fliege H, Scholler G, Rose M, Willenberg H, Klapp B F: Factitious disorders and pathological self-harm in a hospital population: an interdisciplinary challenge. General Hospital Psychiatry 24 (2002) 164-171
  3. Freyberger H J, Stieglitz R D: Artifizielle Störungen. In: Berger M (Hrsg.): Psychische Erkrankungen. Klinik und Therapie. 2. Aufl. Urban & Fischer, München, Jena. (2004) 985-993
  4. Freyberger H, Nordmeyer J P, Freyberger H J, Nordmeyer J: Patients suffering from factitious disorders in the clinico-psychosomatic consultationliaison-service. Psychotherapy Psychosomatics 62 (1994) 108-122