N 1.1 Diabetes mellitus - Internistische Sicht
K. Parhofer

  1. Vorbemerkungen N 1.1 - 1
  2. Diagnostische Grundlagen N 1.1 - 2
    1. - Klinische Diagnostik N 1.1 - 2
    2. - Laborchemische Diagnostik N 1.1 - 2
    3. - Weiterführende Diagnostik N 1.1 - 3
  3. Therapie des Diabetes mellitus N 1.1 - 4
    1. - Nichtpharmakologische Therapie N 1.1 - 4
    2. - Orale Antidiabetika N 1.1 - 5
    3. - Glucosidase-Inhibitoren N 1.1 - 5
    4. - Metformin N 1.1 - 5
    5. - Sulfonylharnstoffe und Glinidine N 1.1 - 6
    6. - Glitazone N 1.1 - 6
    7. - In Entwicklung befindliche Substanzen N 1.1 - 6
    8. - Insulintherapie N 1.1 - 7
    9. - Formen der Insulintherapie N 1.1 - 8
    10. - Kombinationstherapie (Insulin und orale Antidiabetika) N 1.1 - 9
    11. - Medikamentöse Begleittherapie N 1.1 - 10
    12. - Pankreas- und Inselzelltransplantation N 1.1 - 11
    13. - Therapiestrategie bei Diabetes mellitus Typ 1 N 1.1 - 12
    14. - Therapiestrategie bei Diabetes mellitus Typ 2 N 1.1 - 13
    15. - Therapieüberwachung N 1.1 - 14
    16. - Therapie bei akuten Entgleisungen N 1.1 - 15
    17. - Hypoglykämie N 1.1 - 15
    18. - Hyperglykämie N 1.1 - 16
    19. - Therapie in besonderen Situationen N 1.1 - 17
  4. Kasuistik N 1.1 - 18

Kernaussagen

  • Den einzelnen Diabetesformen liegt eine unterschiedliche Pathophysiologie zu Grunde. Diese Unterschiede müssen bei der Auswahl der therapeutischen Konzepte berücksichtigt werden.
  • Bei Diabetes mellitus Typ 1 erfolgt grundsätzlich die Substitution mit Insulin, bei Diabetes mellitus Typ 2 muss durch Lebensstilmaßnahmen und ggf. pharmakologisch die Insulinempfindlichkeit verbessert und das Sekretionsverhalten der β-Zellen optimiert werden. Eine Substitution mit Insulin kann im Verlauf der Erkrankung notwendig werden.
  • Die Insulintherapie bei Typ-1-Diabetes sollte möglichst physiologisch erfolgen, d.h., Basalinsuline zur Abdeckung des Basalbedarfes und kurz-wirkende Insuline zu den Mahlzeiten. Die Gesamtinsulintagesdosis beträgt meist zwischen 0,3 und 0,5 IE/kg KG, davon ca. 40% als Basalinsulin.
  • Die Insulintherapie erfordert eine mehrmals tägliche Blutzuckermessung.
  • Bei Diabetes mellitus Typ 2 kann die Insulinempfindlichkeit und die β-Zellfunktion durch eine Reduktion des abdominellen Fettes verbessert werden. Medikamentös stellt Metformin meist die Therapie der ersten Wahl dar. Bei Versagen einer oralen Therapie ist eine Insulintherapie indiziert.
  • Die typischen diabetischen Folgeerkrankungen (Retinopathie, Nephropathie, Neuropathie, Angiopathie) sind eng mit der Blutzuckereinstellung korreliert.
  • Therapieziele zur Vermeidung der Diabetes-assoziierten Morbidität und Mortalität, von denen aber in Abhängigkeit vom Alter und der Gesamtprognose des Patienten abgewichen werden kann, sind
    • Nüchternblutzucker 80-120 mg/dl,
    • übrige Blutzuckerwerte < 140-160 mg/dl,
    • HbA1c < 6,5%.
  • Wegen der hohen kardiovaskulären Mortalität stellt die Optimierung anderer Risikofaktoren ein gleichwertiges Ziel dar. Im Vordergrund stehen hierbei die Lipidsenkung und die Hypertoniebehandlung.
  • Alle Patienten mit Diabetes mellitus (unabhängig vom Typ) sollten an einer strukturierten Schulung teilnehmen.
  • Die regelmäßig durchzuführenden Kontrolluntersuchungen umfassen mindestens (ggf. zu modifizieren!):
    • HbA1c-Kontrolle (ca. alle 3 Monate),
    • neurologische Untersuchung (1 × jährlich),
    • augenärztliche Untersuchung (1 × jährlich),
    • Lipidstatus (1 × jährlich),
    • klinische Untersuchung auf Neuropathie und Angiopathie (1 × jährlich),
    • Urinuntersuchung auf Albuminurie (1 × jährlich).

Vorbemerkungen
N 1.1 - 1

Die Diagnose "Diabetes mellitus" umfasst eine heterogene Gruppe von Erkrankungen, welche durch eine Erhöhung des Blutzuckerspiegels gekennzeichnet sind. Die Klassifikation der WHO sowie der Amerikanischen und der Deutschen Diabetes-Gesellschaft ist in Tabelle 1 dargestellt.

Tabelle 1: Klassifikation des Diabetes mellitus.
IDiabetes mellitus Typ 1
  • immunologisch vermittelt
  • idiopathisch
IIDiabetes mellitus Typ 2
IIIandere spezifische Diabetestypen
• genetische Defekte
  • der B-Zell-Funktion, z.B. MODY*, mitochondrialer Diabetes
  • der Insulinwirkung, z.B. lipatrophischer Diabetes
• Erkrankungen des exokrinen Pankreasz.B. zystische Fibrose, Pankreatitis, Pankreastumor
• Endokrinopathienz.B. Akromegalie, Cushing-Syndrom, Phäochromozytom
• medikamenten- oder chemikalieninduziertz.B. Pentamidin, Nikotinsäure, Diazoxid, Glukokortikoide, Protease-Inhibitoren, reverse Transkriptasehemmer u.a.
• Infektionenz.B. Zytomegalievirusinfektion, kongenitale Röteln
• seltene Formen des immunvermittelten Diabetesz.B. Anti-Insulinrezeptor-Antikörper
• andere, gelegentlich mit Diabetes assoziierte Syndromez.B. Down-Syndrom, Klinefelter-Syndrom, Turner-Syndrom u.a.
IVGestationsdiabetes
* MODY = maturity-onset diabetes of the young
Diabetes mellitus Typ 1

Der Diabetes mellitus Typ 1 hat eine Prävalenz von etwa 0,3% und eine Neuerkrankungsrate von etwa 12 pro 100.000 Personen.

Dieser Diabetesform liegt eine zellulär mediierte, chronische, irreversible, autoimmunvermittelte Destruktion der insulinproduzierenden β-Zellen des Pankreas zu Grunde. Marker dieser Immundestruktion sind

Antikörperuntersuchungen belegen, dass diese immunologischen Phänomene der Manifestation oft Jahre vorausgehen.

Es besteht eine familiäre Häufung, wobei das Risiko für den Typ-1-Diabetes hauptsächlich mit dem Bereich für HLA-Klasse-II-Antigene (HLA-DR, HLA-DP, HLA-DQ) auf dem kurzen Arm von Chromosom 6 verbunden ist.

Der Manifestationszeitpunkt bildet 2 Gipfel, mit einem Höhepunkt im Lebensalter von etwa 6 Jahren und einem in der Pubertät. Allerdings kann der Diabetes mellitus Typ 1, wie Antikörperuntersuchungen belegen, in jedem Lebensalter auftreten, und Serienuntersuchungen zeigen, dass bis zu 20% der älteren Diabetiker pathophysiologisch einen Diabetes mellitus Typ 1 haben.

Verlauf

Diabetes mellitus Typ 2

Der Diabetes mellitus Typ 2 umfasst etwa 85% aller Diabetesfälle und hat eine Prävalenz von etwa 8% in der deutschen Bevölkerung.

Die Erkrankung ist pathophysiologisch wesentlich komplexer als der immunologisch vermittelte Diabetes mellitus Typ 1. Beim Diabetes mellitus Typ 2 sind Insulinresistenz und Insulinsekretionsstörung die zentralen Veränderungen. Der Diabetes mellitus Typ 2 entwickelt sich meist aus einem sog. metabolischen Syndrom (auch Insulinresistenzsyndrom, "deadly quartett", Syndrom X) heraus und ist deshalb sehr stark assoziiert mit der

Verlauf

Entscheidend für die Entwicklung der Insulinresistenz und vermutlich auch für die Insulinsekretionsstörung sind die abdominelle Adipositas und die mit ihr assoziierte vermehrte Verfügbarkeit freier Fettsäuren sowie anderer Fettgewebemediatoren ("Fett-Muskel-Crosstalk").

Genetische Einflüsse:

Die genetische Prädisposition spielt bei der Pathogenese des Diabetes mellitus Typ 2 eine größere Rolle als beim Diabetes mellitus Typ 1. Trotz der hohen erblichen Komponente bei der Entstehung des Diabetes mellitus Typ 2 ist es bislang nur bei wenigen Betroffenen gelungen, entsprechende Gene oder Allele zu definieren. Man muss davon ausgehen, dass der Diabetes mellitus Typ 2 eine polygen determinierte Störung ist, zu deren Manifestation Umwelteinflüsse entscheidend beitragen.

Sonstige Diabetestypen

Bei den in Tabelle 1 aufgeführten "anderen spezifischen Diabetestypen" handelt es sich entweder um Raritäten oder um Erkrankungen, bei welchen der Diabetes eine meist nicht im Vordergrund stehende Begleiterscheinung darstellt. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die bei akut kranken Personen häufig beobachtete Hyperglykämie, welche Ausdruck einer in dieser Situation oft nachweisbaren Insulinresistenz ist. Dies wird zum einen durch endogene Mediatoren (Steroidhormone, Katecholamine etc.) und zum anderen durch Medikamente vermittelt. Auf den "Gestationsdiabetes" wird in einem separaten Abschnitt eingegangen, s. Kapitel N 1.4.

Diagnostische Grundlagen
N 1.1 - 2

Klinische Diagnostik

Während beim Diabetes mellitus Typ 1 die charakteristischen Symptome der ausgeprägten Hyperglykämie - also Polydipsie, Nykturie, Müdigkeit, Leistungsschwäche und Gewichtsabnahme - relativ häufig sind, präsentiert sich der Patient mit Diabetes mellitus Typ 2 meist oligosymptomatisch.

Laborchemische Diagnostik

Bei allen Personen in einem Alter von ≥ 45 Jahren wird ein alle 3 Jahre durchzuführendes Screening (Nüchternglukosespiegel) empfohlen, um einen Diabetes mellitus Typ 2 möglichst frühzeitig zu erkennen. Bei Patienten mit Risikofaktoren (Adipositas, positive Familienanamnese, Gestationsdiabetes, Hypertonie, Dyslipoproteinämie) sollten das Screening früher einsetzen und die Kontrollen ggf. in engeren Abständen durchgeführt werden.

Die laborchemische Diagnose "Diabetes mellitus" kann entweder

Der orale Glukosetoleranztest erlaubt auch die Einteilung in folgende Kategorien:

Die entsprechenden Diagnosekriterien sind in Tabelle 2 aufgelistet.

CAVE:

! Die Diagnose "Diabetes mellitus" darf nicht aufgrund des HbA1c-Wertes oder von Uringlukosewerten gestellt oder ausgeschlossen werden.

Weiterführende Diagnostik
N 1.1 - 3

Als Faustregel gilt:

Eine weiterführende Diagnostik hinsichtlich des Glukosestoffwechsels ist in aller Regel nicht notwendig.

Die für die klinische Betreuung notwendige weiterführende Diagnostik hinsichtlich Begleit- und Folgeerkrankungen wird in den einzelnen Abschnitten abgehandelt (s. Kapitel N 1.2). Bereits hier soll aber darauf hingewiesen werden, dass eine regelmäßige Erfassung

unverzichtbare Bestandteile einer guten Diabetikerbetreuung darstellen. In welchem Abstand diese Untersuchungen durchgeführt werden sollen, ist individuell zu entscheiden.

Therapie des Diabetes mellitus
N 1.1 - 4

Nichtpharmakologische Therapie

Ernährung

Diabetikern wird prinzipiell die gleiche Ernährung zur Gesunderhaltung empfohlen wie der Allgemeinbevölkerung (Tabelle 3). Die Güte der Stoffwechseleinstellung und damit die Reduzierung der Häufigkeit akuter Komplikationen bzw. der Entwicklung von Folgeschäden kann durch eine optimale Ernährung wesentlich unterstützt werden. Dies gilt grundsätzlich für alle Diabetestypen und alle Altersklassen.

Viele Typ-2-Diabetiker könnten ausschließlich mit einer individuellen Ernährungstherapie, im Wesentlichen über eine Gewichtsreduktion, ausreichend behandelt werden:

In Tabelle 4 sind einige wichtige Kennziffern genannt.

Tabelle 2: Diagnosekriterien für Diabetes mellitus.
Plasmaglukosespiegel [mg/dl]Vollblutglukosespiegel [mg/dl]
venöskapillärvenöskapillär
Nüchternmessung
• Diabetes mellitus≥ 126≥ 126≥ 110≥ 110
• IFG≥ 110≥ 110≥ 100≥ 100
Glukosetoleranztest, 2-Stunden-Wert
• Diabetes mellitus≥ 200≥ 220≥ 180≥ 200
• IGT≥ 140≥ 160≥ 120≥ 140
Diagnosen "gestörter Nüchternglukosewert" (impaired fasting glucose, IFG), "gestörte Glukosetoleranz" (impaired glucose tolerance, IGT) und "Diabetes mellitus" bei Glukosemessung aus unterschiedlichem Probenmaterial. Angabe korrespondierender Referenzwerte (nach European Diabetes Policy Group, Guidelines for Diabetes Care, Walter Wirtz Druck & Verlag, August 1999; oder Diabetic Medicine 1999, Vol. 16)
Tabelle 3: Ernährungsempfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) sowie der nationalen und internationalen Diabetesgesellschaften (American Diabetes Association, ADA; European Association for the Study of Diabetes, EASD; Deutsche Diabetes-Gesellschaft, DDG).
DGE ADA / EASD / DDG
Kohlenhydrate55 Energieprozent
  • Kohlenhydrate und
  • einfach ungesättigte Fettsäuren
60-70 Energieprozent
Ballaststoffe> 30 g/TagBallaststoffe
Protein15 EnergieprozentProtein15-20 Energieprozent
Fett
je ⅓ gesättigte, einfachungesättigte und mehrfachungesättigte Fettsäuren
30 Energieprozent
  • gesättigte Fettsäuren
  • mehrfach ungesättigte Fettsäuren
< 10 Energieprozent
< 10 Energieprozent
Körperliche Aktivität
Diabetes mellitus Typ 1

Körperliche Aktivität erleichtert über den erhöhten Kalorienverbrauch die dauerhafte Gewichtsreduktion. Allerdings sind die Effekte einer Aktivitätssteigerung bezüglich der Gewichtsreduktion weniger ausgeprägt als ernährungsmedizinische Maßnahmen.

Dennoch muss eine Steigerung der körperlichen Aktivität integraler Bestandteil der Lebensstilumstellung sein, da es auch unabhängig von einer Gewichtsreduktion zu einer verbesserten Insulinempfindlichkeit kommt.

Als Faustregel gilt:

Nach heutigem Wissensstand reicht schon eine relativ moderate körperliche Aktivität wie rasches Gehen für eine halbe Stunde an mindestens 5 Tagen pro Woche aus, um einen Effekt im Sinne einer kardiovaskulären Prävention zu erzielen.

Tabelle 4: Ernährungsmedizinische Kennziffern.
Kommentar
Kohlenhydrate4,3 kcal/g• Bei gleicher Energiemenge führen schnell verstoffwechselbare Kohlenhydrate zu einem stärkeren Anstieg des Blutzuckerspiegels als komplexe Kohlenhydrate (unterschiedlicher glykämischer Index)
Fett9 kcal/g• Bei gleicher Energiemenge sind einfach ungesättigte Fettsäuren günstiger als gesättigte Fettsäuren
Protein4,3 kcal/g• Die zugeführte Proteinmenge sollte absolut gesehen relativ gleich bleiben (etwa 1 g/kg KG/Tag); damit steigt der Anteil der Energiemenge, die mit Eiweiß zugeführt wird, bei zunehmender Kalorienrestriktion
Alkohol7 kcal/g• Bei Neigung zur Hypertriglyzeridämie (sehr häufig bei Typ-2-Diabetikern) kann Alkohol einen weiteren Anstieg der Triglyzeridkonzentration im Plasma bewirken
Berechnungseinheit (BE)12 g Kohlenhydrate• Beide Werte sind hilfreich zur Abschätzung der benötigten Insulinmenge bei insulinpflichtigen Diabetikern
Kohlenhydrateinheit (KE)10 g Kohlenhydrate
Diabetes mellitus Typ 2

CAVE:

! Während beim Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 eine Steigerung der körperlichen Aktivität bzw. Sport ein wichtiger Bestandteil der Therapie ist, um die Blutzuckerspiegeleinstellung zu verbessern, kann Extremsport die Blutzuckerspiegeleinstellung bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 1 erheblich erschweren.

Da sehr große interindividuelle Unterschiede bestehen, ist es wichtig, dass Typ-1-Diabetiker, die Extremsport betreiben, die Reaktion des eigenen Körpers auf solche Anforderungen kennen (Schulung, evtl. Testung über Ergometrie).

Schulung

Es gibt kaum eine Erkrankung, bei welcher der Patient selbst die Therapie so nützlich unterstützen kann und sollte wie beim Diabetes mellitus. Daher gilt die Diabetikerschulung als integraler Bestandteil des Diabetes-Managements.

Die Deutsche Diabetes-Gesellschaft hat deshalb auch klare Schulungsziele und -inhalte sowohl für Typ-1- als auch für Typ-2-Diabetiker formuliert. Strukturierte Schulungen werden in vielen Krankenhäusern, aber auch in Schwerpunktpraxen angeboten.

Orale Antidiabetika
N 1.1 - 5

Als Faustregel gilt:

Eine Behandlung mit oralen Antidiabetika kommt beim Diabetes mellitus Typ 2 in Betracht, wenn durch gesunde Ernährung, Gewichtsreduktion und Veränderung des Lebensstils keine Normalisierung des Stoffwechsels erreicht werden kann.

Bei der Einteilung der oralen Antidiabetika unterscheidet man zwischen β-zytotropen und nicht-β-zytotropen Substanzen.

α-Glukosidase-Inhibitoren
Wirkmechanismus

Durch die Resorptionsverzögerung gelangen vermehrt Kohlenhydrate in untere Abschnitte des Dünndarms und des Kolons, wo sie von Bakterien verstoffwechselt werden. Als Nebenwirkung kann es deshalb zu Blähungen (seltener zu Durchfällen) kommen. Diese Nebenwirkungen sind dosisabhängig und reversibel, weshalb auf eine langsame Dosissteigerung zu achten ist.

Kontraindikationen

Vorteile

Der Effekt dieses Therapieprinzips wurde in einer großen Endpunktstudie (Stop NIDDM) belegt.

Als Faustregel gilt:

Um die gastrointestinale Nebenwirkungsrate möglichst gering zu halten, sollte die Therapie einschleichend (einmal täglich 50 mg zur Hauptmahlzeit) begonnen und dann langsam auf die notwendige Tagesdosis (maximal 3 × 100 mg) gesteigert werden.

α-Glukosidase-Inhibitoren können mit allen anderen oralen Antidiabetika und mit Insulin kombiniert werden.

Metformin
Wirkmechanismus

Als häufigste Nebenwirkung werden gastrointestinale Beschwerden berichtet (Übelkeit, epigastrisches Druckgefühl, Blähungen, Durchfälle, metallischer Geschmack). Diese Nebenwirkungen sind dosisabhängig und reversibel.

Kontraindikationen

CAVE:

! Prinzipiell besteht die Gefahr von Laktatazidosen, da Metformin v.a. die Verstoffwechselung von Laktat zu Glukose inhibiert. Insgesamt sind Laktatazidosen jedoch auch unter Metformintherapie sehr selten und treten, wenn überhaupt, nur bei eingeschränkter Nierenfunktion auf.

Vorteile

Da eine inadäquate bzw. exzessive Glukoneogenese in der Leber ein Charakteristikum der Insulinresistenz im Rahmen des Diabetes mellitus darstellt, ist Metformin v.a. zur Behandlung von übergewichtigen Typ-2-Diabetikern geeignet.

Als Vorteile einer Metformintherapie müssen genannt werden,

Der Effekt einer Metformintherapie wurde in einer großen Studie (UKPDS) belegt, in welcher Metformin besser abgeschnitten hat als die Vergleichsantidiabetika. Metformin ist deshalb bei übergewichtigen Typ-2-Diabetikern das Mittel der ersten Wahl, wenn Lebensstilmaßnahmen nicht ausreichen und keine Kontraindikationen bestehen.

Als Faustregel gilt:

  • Da die inadäquate Glukoneogenese im Rahmen der Insulinresistenz v.a. für erhöhte Nüchternblutzuckerwerte verantwortlich ist, sollte Metformin (bei Einmalgabe) abends eingenommen werden.
  • Bei Dosen von mehr als 1.000 mg/Tag ist die Metformindosis auf 2 Einnahmezeitpunkte zu verteilen.

Sulfonylharnstoffe und Glinide
N 1.1 - 6

Wirkmechanismus

Da diese Insulinsekretion unabhängig vom vorhandenen Glukosespiegel erfolgt, gehören Hypoglykämien zu den klassischen Nebenwirkungen der Sulfonylharnstoff- bzw. Glinidtherapie.

Die einzelnen Sulfonylharnstoffe und Glinide unterscheiden sich v.a. durch ihre Halbwertszeit.

Kontraindikationen

Vorteile

Als Faustregel gilt:

  • Glimepirid (Amaryl®) einmal täglich,
  • Glibenclamid (z.B. Euglucon®) 1-2 × tgl.
  • Glinide (Repaglinid = Novonorm®, Nateglinid = Starlix®) zu den Hauptmahlzeiten.

Bei schlanken Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2, bei welchen häufig nicht die Insulinresistenz im Vordergrund steht, können Sulfonylharnstoffe auch als Ersttherapie eingesetzt werden.

Glitazone

Bei den Insulinsensitizern (Rosiglitazon = Avandia®, Pioglitazon = Actos®, weitere Substanzen in Entwicklung) handelt es sich um eine relativ neue Gruppe von oralen Antidiabetika, welche die Insulinempfindlichkeit verbessern.

Wirkmechanismus

Als klassische Nebenwirkung kann es zu einer Wasserretention mit Gewichtszunahme und Ödemen kommen.

Kontraindikationen

Weitere Kontraindikationen sind

Als Nachteile müssen die Gewichtszunahme sowie die noch relativ geringe Langzeiterfahrung genannt werden.

Eine Kombinationstherapie mit Insulin ist nicht zugelassen.

Vorteile

Der Stellenwert der Glitazone in der oralen Therapie des Diabetes mellitus Typ 2 ist noch nicht abschließend zu beurteilen.

Weitere PPAR-Agonisten

In den vergangenen Jahren wurden daneben kombinierte PPAR-α und PPAR-γ-Agonisten unter der Vorstellung entwickelt, dass dadurch eine gemeinsame Behandlung von Dyslipoproteinämie und Hyperglykämie möglich sein sollte. Dieser Therapieansatz wird allerdings wegen Nebenwirkungen (kardiovaskuläre Nebenwirkung und Nephropathie) nicht weiter verfolgt.

Der Stellenwert von PPAR-δ-Agonisten kann noch nicht endgültig beurteilt werden.

In Entwicklung befindliche Substanzen
Inkretine

Es ist bekannt, dass das im Dünndarmbereich gebildete Glucagon-like Peptide 1 (GLP-1)

Natürliches humanes GLP-1 muss parenteral appliziert werden und hat eine sehr kurze Halbwertszeit, da es über Dipeptidyl-Peptidase IV (DPP-IV) abgebaut wird.

Deshalb wurden in den vergangenen Jahren GLP-1-Analoga (Exenatide) und DPP-IV-Inhibitoren entwickelt. Diese Substanzen führen in Kombination mit oralen Antidiabetika oder Insulin zu einer besseren Blutzuckereinstellung bei gleichzeitiger Gewichtsreduktion.

Welchen Stellenwert diese Therapieansätze längerfristig einnehmen werden, kann aufgrund der bisher geringen Erfahrung noch nicht beurteilt werden.

Cannabinoid-Rezeptor-Antagonisten

Das Endocannabinoid-System spielt bei der Gewichtsregulation und damit der Insulinresistenz eine wichtige Rolle. Die pharmakologische Blockade (Rimonabant) der entsprechenden Rezeptoren führt nicht nur zu einer Gewichtsreduktion sondern auch zu einer Erhöhung von Adiponektinspiegeln und einer Zunahme der Insulinempfindlichkeit.

Es bleibt abzuwarten, ob durch den Einsatz dieser Medikamente längerfristig das Auftreten von Diabetes mellitus und seiner Folgeerkrankungen verhindert werden kann.

Insulintherapie
N 1.1 - 7

Insuline können entweder nach Herkunft (tierische Insuline, Humaninsuline, Insulinanaloga) oder nach ihrer Wirkdauer unterschieden werden.

Tierische Insuline spielen insgesamt nur noch eine untergeordnete Rolle, und es werden heutzutage hauptsächlich Humaninsuline und Insulinanaloga eingesetzt. Man unterscheidet nach der Wirkzeit (Abb. 1):

Abbildung 1:

Wirkzeiten verschiedener Insuline.


Normalinsulin (Altinsulin, Regulärinsulin)

Es handelt sich hierbei um die reinen Insulinmonomere, die sich allerdings aufgrund der Primärstruktur zu Hexameren zusammenlagern. Die Hexamerbildung ist dafür verantwortlich, dass

Normalinsulin kann subkutan, intramuskulär, intravenös, intraperitoneal oder inhalativ appliziert werden.

Vorteile

Nachteile

Kurzwirkende Insulinanaloga (Insulin Lispro, Insulin Aspart, Insulin Glulisine)

Durch Veränderung der Primärstruktur wurden Insuline hergestellt, bei welchen die Hexamerbildung nur noch erschwert möglich ist, wodurch es zu einem schnelleren Übertritt des Insulins in das Blut und damit zu einem

Vorteile

Nachteile

Verzögerungsinsuline

Die im Vergleich zum Normalinsulin verzögerte Wirkdauer beruht auf der Veränderung der Resorptionsgeschwindigkeit durch Kopplung an andere Moleküle (NPH-Insulin, Zinkinsulin, Surfeninsulin) bzw. durch eine Veränderung der Primärstruktur (Insulinanalogon).

NPH-Insuline

"NPH" steht für "neutrales Protamin Hagedorn".

NPH-Insulin ist ein klassisches Basalinsulin (Gabe 1, 2 oder 3 × tgl.) oder wird als Komponente von Mischinsulin eingesetzt.

CAVE:

! Vor Applikation muss das Insulin bzw. die Patrone ausreichend gemischt bzw. geschwenkt werden.

Zinkinsulin

Zinkinsuline wurden früher häufig als Basalinsuline eingesetzt, inzwischen finden sie aufgrund der nicht genau vorhersehbaren Freisetzungskinetik nur noch begrenzt Verwendung.

Langwirkende Insulinanaloga (Insulin Glargin, Insulin Detemir)

Vorteil

Relativ gleichmäßige Insulinwirkung.

Mischinsuline

Mischinsuline sind vorgefertigte Mischungen aus schnell wirkendem Insulin (Normalinsulin oder Insulinanalogon) und NPH-Insulin.

Der Anteil des schnell wirkenden Insulins liegt zwischen 10 und 50%.

Es handelt sich um typische Insuline für die konventionelle Insulintherapie.

CAVE:

! Zinkinsuline sollten nicht selbst gemischt werden, und auch schnell wirkende Insulinanaloga sollte man nicht selbst mit NPH-Insulin mischen.

Inhalatives Insulin

Es handelt sich um eine neu zugelassene Form der Insulintherapie, bei welcher Normalinsulin so zerstäubt wird, dass es bronchial resorbiert werden kann. So resorbiertes Normalinsulin wirkt ähnlich schnell und kurz wie schnellwirkende Insulinanaloga (also schneller als subkutan appliziertes Normalinsulin).

Vorteile

Nachteile

Formen der Insulintherapie
N 1.1 - 8

Siehe hierzu Abbildung 2.

Abbildung 2:

Formen der Insulintherapie.


Applikation von Insulin

Insulin kann subkutan, intramuskulär, intravenös oder intraperitoneal appliziert werden, daneben wird Insulin auch über die Nasenschleimhaut und die Bronchialschleimhaut resorbiert.

Als Faustregel gilt:

  • Die schnellste und gleichmäßigste Insulinresorption tritt nach subkutaner Applikation in der Abdominalregion ein.
  • Schnell wirkendes Insulin sollte im Abdomen, Verzögerungsinsulin kann in den Oberschenkel injiziert werden.

Spritz-Ess-Abstand

Je nach Ausgangsblutzuckerspiegel muss dieser Wert modifiziert werden.

Konventionelle Insulintherapie

Bei der konventionellen Insulintherapie handelt es sich um die ein- oder mehrmals tägliche Applikation eines Mischinsulins. Bei 2-maliger Gabe (Normalfall) werden meist ⅔ der Dosis morgens und ⅓ abends verabreicht.

Indikationen

Vorteile

Nachteile

Intensivierte konventionelle Insulintherapie (ICT; Basis-Bolus-Prinzip)

Bei der ICT erfolgt die Gabe eines Basalinsulins für den "Grundbedarf" sowie mahlzeitenadaptiert die Gabe von schnell wirkendem Insulin (Normalinsulin oder Insulinanalogon).

Voraussetzung ist die mehrmals tägliche (in der Regel mindestens 4-malige) Blutzuckerspiegelmessung, um die Dosis schnell wirkenden Insulins korrekt wählen zu können. Weiterhin muss der Patient gut geschult sein, um die Insulindosis abschätzen und kurzfristige Veränderungen des Bedarfs adäquat umsetzen zu können.

Indikationen

Vorteil

Nachteil

Insulinpumpentherapie

Bei der Insulinpumpentherapie wird ein schnell wirkendes Insulin (Normalinsulin oder Insulinanalogon) kontinuierlich subkutan appliziert.

Die Insulinpumpe wird außerhalb des Körpers getragen, das Insulin wird über einen subkutan gelegten Katheter zugeführt. Der Katheter muss etwa alle 3 Tage gewechselt werden.

Indikationen

Kombinationstherapie (Insulin und orale Antidiabetika)
N 1.1 - 9

Als Faustregel gilt:

Kombinationstherapien mit Insulin und oralen Antidiabetika kommen praktisch nur bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 in Betracht.

Prinzipiell könnte man auch eine Therapie mit Metformin bei übergewichtigen Typ-1-Diabetikern erwägen, allerdings ist das Risiko für eine ketoazidotische Entgleisung erhöht, sodass diese Kombination nicht empfohlen wird.

Generell ist bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 1 auch die Kombination einer Insulintherapie mit Acarbose möglich, jedoch liegt hierzu nur sehr wenig Erfahrung vor.

Bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 wird eine Insulintherapie meist in Form einer "Add-on"-Therapie durchgeführt, d.h. Insulin wird zusätzlich zu einer bestehenden oder modifizierten oralen Diabetestherapie gegeben.

Welcher Form der Therapie der Vorzug gegeben werden sollte, muss individuell entschieden werden. Hierbei ist von großer Bedeutung, ob primär vor allem die Nüchternblutzucker oder die postprandialen Werte verändert sind.

Sulfonylharnstoff und Mischinsulin

Das Insulin wird meist einmal täglich morgens gegeben. Bei bisher grenzwertig gut eingestellten Patienten ist dadurch häufig eine bessere Blutzuckerspiegeleinstellung zu erreichen.

Sulfonylharnstoff/Glinid und Basalinsulin zur Schlafenszeit

Diese Kombination führt häufig zu einer deutlichen Verbesserung der Nüchternwerte, hat allerdings den Nachteil des nächtlichen Hypoglykämierisikos.

Sulfonylharnstoff und kurzwirkendes prandiales Insulin

Dies ist ein relativ aufwändiges Therapieverfahren, da oft mehrmals täglich Blutzuckerspiegelkontrollen notwendig sind.

Metformin und Insulin

Insbesondere bei übergewichtigen Typ-2-Diabetikern mit ausgeprägter Insulinresistenz kann diese Kombination (evtl. auch zusätzliche Kombination mit α-Glukosidase-Inhibitor) sinnvoll sein.

Acarbose und Insulin

Insbesondere bei Typ-2-Diabetikern mit ausgeprägter postprandialer Hyperglykämie kann diese Kombination sinnvoll sein.

Dabei genügt es häufig, morgens zusätzlich zum prandial applizierten Insulin Acarbose zu geben.

Medikamentöse Begleittherapie
N 1.1 - 10

Eine wesentliche Erkenntnis der Studien der vergangenen Jahre war, dass die Fokussierung auf die Behandlung eines erhöhten Blutzuckerspiegels dem Problem des Diabetes mellitus Typ 2 nicht gerecht wird.

Als Faustregel gilt:

Für die Vermeidung der Spätkomplikationen, insbesondere der Makroangiopathie, aber auch der Nephropathie, kommt der Blutdruckeinstellung und der adäquaten Behandlung einer Dyslipoproteinämie ein ähnlicher Stellenwert zu wie der Blutzuckerspiegelsenkung. Es muss heute deshalb Standard sein, dass alle Aspekte des metabolischen Syndroms adäquat behandelt werden, d.h. ein Großteil der Patienten wird neben einer antihyperglykämischen auch eine lipidsenkende und eine antihypertensive Medikation benötigen.

In einer kürzlich veröffentlichten Studie (STENO 2) konnte gezeigt werden, dass Patienten von einem solchen multimodalen Therapieansatz tatsächlich profitieren.

Pankreas- und Inselzelltransplantation
N 1.1 - 11

Pankreastransplantation

Als Faustregel gilt:

  • Durch den biologischen Ersatz der zerstörten β-Zellen des Pankreas kann eine vollständige Normoglykämie durch Wiederherstellung der Feedback-kontrollierten, bedarfsgerechten Insulinsekretion erzielt werden.
  • Allerdings wird diese Insulinfreiheit durch die notwendige lebenslange immunsuppressive Therapie erkauft.

Aufgrund der nach Pankreastransplantation über Jahrzehnte durchzuführenden und mit erheblichen Nebenwirkungen assoziierten Immunsuppression kommen für ein solches Verfahren insbesondere Typ-1-Diabetiker in Betracht, die aus anderen Gründen (z.B. Nieren- oder Lebertransplantation) bereits eine immunsuppressive Therapie durchführen müssen.

Indikation

Eine isolierte Pankreastransplantation ist ggf. indiziert bei

Die 1-Jahres-Überlebensrate des Pankreas liegt bei 80-85% bei Transplantation von Niere und Pankreas und bei 50-60% bei alleiniger Pankreastransplantation.

Die 1-Jahres-Überlebensrate der Patienten beträgt 90-100%.

Inselzelltransplantation

Im Gegensatz zur Pankreastransplantation, bei der es sich um ein akzeptiertes und etabliertes Therapieverfahren handelt, befindet sich die Inselzelltransplantation noch in einem experimentellen Stadium.

Hierbei werden die Inselzellen (meist mehrerer Spender) in die Pfortader appliziert. Die Transplantation stellt damit einen kleinen, nahezu risikolosen Eingriff dar. Allerdings kann damit nur bei 10-22% der Patienten eine Unabhängigkeit von extern appliziertem Insulin erreicht werden.

Therapiestrategie bei Diabetes mellitus Typ 1
N 1.1 - 12

Als Faustregel gilt:

Die intensivierte konventionelle Insulintherapie (ICT; Basis-Bolus-Prinzip) stellt die Therapie der Wahl bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 1 dar.

Prinzipiell sollten alle neu diagnostizierten Typ-1-Diabetiker auf eine ICT eingestellt werden.

CAVE:

! Häufig kommt es nach Diagnose und Ersteinstellung passager (Wochen bis Monate, selten mehr als ein Jahr) zu einer deutlichen Abnahme des Insulinbedarfs ("Honeymoon"). In dieser Phase sollte die intensivierte Insulintherapie prinzipiell fortgesetzt werden.

Neben der Insulineinstellung sind Schulung sowie Diagnostik und Therapie (präventiv) von Spätkomplikationen von größter Bedeutung.

Typische Probleme der intensivierten konventionellen Therapie sind im Folgenden aufgelistet:

Therapiestrategie bei Diabetes mellitus Typ 2
N 1.1 - 13

Insbesondere aufgrund der Daten der UKPDS-Studie (welche nahe legt, dass es von großer Bedeutung ist, den Zielwert zu erreichen, aber nur von untergeordneter Bedeutung, womit dieser Zielwert erreicht wird) hat sich inzwischen eine zielwertorientierte Therapie durchgesetzt.

Die anzustrebenden Zielwerte sind in Tabelle 5 dargestellt.

Tabelle 5: Biochemische Zielgrößen für die Stoffwechseleinstellung bei Diabetes mellitus (nach Deutscher Diabetes-Gesellschaft 1999).
IndikatorZielwertbereich
Blutglukosespiegel
• nüchtern/präprandial90-120 mg/dl (5,0-6,7 mmol/l)
• 1-2 Stunden postprandial130-160 mg/dl (7,2-8,9 mmol/l)
• vor dem Schlafengehen110-140 mg/dl (6,1-7,8 mmol/l)
Lipide
• Diabetiker ohne mikro- bzw. makrovaskuläre Erkrankungen

  • Gesamtcholesterinspiegel < 200 mg/dl
  • LDL-Cholesterinspiegel < 130 mg/dl
  • HDL-Cholesterinspiegel ≥ 35 mg/dl
  • Triglyzeridspiegel (nüchtern) < 150 mg/dl

• Diabetiker mit mikro- bzw. makrovaskulären Erkrankungen

  • Gesamtcholesterinspiegel < 170 mg/dl
  • LDL-Cholesterinspiegel < 100 mg/dl
  • HDL-Cholesterinspiegel ≥ 40 mg/dl
  • Triglyzeridspiegel (nüchtern) < 150 mg/dl

• Diabetiker mit Triglyzeridspiegeln von > 1 000 mg/dl

  • durch Akuttherapie: Triglyzeridspiegel von < 400 mg/dl
  • unter Dauertherapie: Triglyzeridspiegel (nüchtern) von < 150 mg/dl

Body-Mass-Index (Erwachsene)≤ 25 kg/m2
Blutdruck
• Diabetiker mit essenzieller Hypertonie≤ 140/≤ 85 mmHg
• bei guter Verträglichkeit eines Blutdrucks von 140/85 mmHg≤ 130/≤ 80 mmHg
• Diabetiker mit Mikroalbuminurie und/oder manifester Nephropathie≤ 130/≤ 80 mmHg
Abbildung 3:

Stufentherapie bei Typ-2-Diabetes.


Betont werden soll, dass die in den Abbildungen 3 und 4 dargestellten Flussdiagramme keine Handlungsanweisung darstellen, sondern lediglich pathophysiologisch sinnvolle Therapiemöglichkeiten aufzeigen. Die Therapieentscheidung muss in jedem Fall individualisiert werden, wobei natürlich auch Kontraindikationen zu beachten sind.

Abbildung 4:

Möglichkeiten der Insulintherapie bei Typ-2-Diabetes.


Therapieüberwachung
N 1.1 - 14

Die Therapieüberwachung muss stark individualisiert erfolgen.

Blutzuckerspiegelmessung

Uringlukosewert

Die Messung des Uringlukosewertes spielt nur noch eine sehr untergeordnete Rolle, da sich darüber keine adäquate Einschätzung der Qualität der Blutzuckerspiegeleinstellung durchführen lässt.

Sonstige Untersuchungen

Selbstverständlich müssen diese Kontrollintervalle bei pathologischen oder grenzwertig pathologischen Befunden ggf. verkürzt werden.

Therapie bei akuten Entgleisungen
N 1.1 - 15

Hypoglykämie

Hypoglykämien sind bei pharmakotherapierten Diabetikern die häufigste Ursache metabolisch-endokriner Krisen. Ihnen liegen Störungen des Gleichgewichts zwischen Glukoseangebot und Glukoseutilisation zu Grunde. Abhängig vom Grad der Hypoglykämie, der Geschwindigkeit des Blutzuckerspiegelabfalls und der Dauer der Hypoglykämie kommt es zur Aktivierung des vegetativen Nervensystems und schließlich zur Neuroglukopenie.

Ab wann man von einer Hypoglykämie sprechen kann, ist nicht einheitlich definiert. Unter klinischen Gesichtspunkten ist es sinnvoll, folgende Definitionen zu verwenden:

Die typische Kaskade von Beschwerden und Symptomen ist interindividuell variabel und kann sich im Laufe der Diabeteserkrankung erheblich verändern. So treten bei lange bestehendem Diabetes und schwerer autonomer Dysfunktion Symptome erst bei wesentlich niedrigeren Glukosewerten auf.

CAVE:

  • Langanhaltende, schwere Hypoglykämien können, wenn auch selten, zum Tod oder zu neurologischen und/oder kognitiven Dauerschäden führen.
  • Inwieweit zahlreiche leichte bis mittelschwere Hypoglykämien langfristig zu Schäden führen, ist offen.

Hypoglykämien sind subjektiv sehr unangenehm und beeinträchtigen die Lebensqualität erheblich. Sie werden daher von vielen Diabetikern gemieden - mit der Konsequenz einer schlechten Blutzuckerspiegeleinstellung. Anhand klinischer Gesichtspunkte kann man die Hypoglykämie in 2 Schweregrade unterteilen:

Als Faustregel gilt:

Die Rate an Hypoglykämien ist bei euglykämisch eingestellten Diabetikern häufiger als bei Diabetikern mit schlechter Blutzuckerspiegeleinstellung.

Ursachen

Acarbose, Metformin und Glitazone führen im Rahmen einer Monotherapie nicht zur Hypoglykämie.

Symptome

Die Symptome der Hypoglykämie lassen sich in

Die Hypoglykämie kann beim individuellen Patienten durch eine Vielzahl der genannten Symptome gekennzeichnet sein, aber auch oligo- oder monosymptomatisch verlaufen.

Therapie

Als Faustregel gilt:

Die Therapie einer leichten Hypoglykämie ist v.a. Aufgabe des Patienten und seines sozialen Umfelds; eine adäquate Therapie kann deshalb nur erfolgen, wenn der Patient und seine Umgebung eingehend geschult wurden.

Die Therapie der Hypoglykämie wird wie folgt vorgenommen:

CAVE:

! Sulfonylharnstoffinduzierte Hypoglykämien sind besonders gefährlich, da sie vorwiegend ältere Diabetiker betreffen und häufig rezidivieren (Hypoglykämiegefahr besteht in Abhängigkeit vom verwendeten Sulfonylharnstoff für bis zu 72 Stunden). Deshalb sollte in dieser Situation eine stationäre Überwachung veranlasst werden.

Ein besonderes Problem stellen nächtliche Hypoglykämien bei mit Insulin behandelten Diabetikern dar. Sie kommen meist durch eine zu hohe Dosis des abendlichen Verzögerungsinsulins zustande, welche unter der Vorstellung gegeben wird, dadurch hohe Nüchternwerte abfangen zu können. Problematisch sind diese Hypoglykämien v.a. deshalb, weil sie oft unerkannt bleiben.

Hyperglykämie
N 1.1 - 16

Ketoazidose

Die diabetische Ketoazidose ist Folge eines absoluten Insulinmangels und einer vermehrten Ausschüttung kontrainsulinär wirkender Hormone (Glukagon, Katecholamine, Wachstumshormon, Prolaktin, Kortisol).

Als Faustregel gilt:

  • Die gesteigerte Glukoneogenese und Glykogenolyse führen zur Hyperglykämie,
  • die gesteigerte Lipolyse zur metabolischen Azidose.

In der Folge kommt es zu Dehydratation und ausgeprägten Elektrolytentgleisungen.

CAVE:

! Metabolische Azidose und Elektrolytentgleisung führen rasch zum Tod, falls keine adäquate Therapie erfolgt.

Als Auslöser für eine ketoazidotische Entgleisung kommen

Das klinische Bild entwickelt sich meist innerhalb von Stunden bis Tagen und ist durch

Laborchemisch finden sich

Therapie

Die Therapie der Ketoazidose beruht auf Rehydratation, Insulingabe, Elektrolytersatz und Azidoseausgleich sowie der Behandlung der präzipitierten Faktoren.

Tabelle 6: Kaliumsubstitution bei diabetischem Koma.
Serumkaliumspiegel [mmol/l]Kaliumsubstitution [mmol/Std.]
pH-Wert > 7,2pH-Wert < 7,2
≥ 6,0--
5,0-5,95-1010-20
4,0-4,91020
3,0-3,92030
< 3,03040

Als Faustregel gilt:

Die Therapie der diabetischen Ketoazidose sollte wegen der Gefahr der Elektrolytentgleisung und des notwendigen engmaschigen Monitorings unabhängig vom Bewusstseinszustand auf einer Überwachungsstation erfolgen, bis der pH-Wert > 7,3 beträgt und die Elektrolytwerte im Normbereich liegen.

Hyperosmolare Entgleisungen

Beim hyperosmolaren Koma stehen die Hyperglykämie und die daraus resultierende Hyperosmolalität ganz im Vordergrund. Zur Ausbildung einer Azidose kommt es nicht, da nur ein relativer Insulinmangel besteht und somit keine gesteigerte Lipolyse vorliegt.

Im Rahmen des hyperosmolaren Komas werden Blutzuckerwerte von meist > 600 mg/dl, teilweise von > 2.000 mg/dl, beobachtet. Dabei handelt es sich oft um Typ-2-Diabetiker, die bisher schlecht oder sehr schlecht eingestellt waren oder deren Zuckererkrankung bisher nicht diagnostiziert worden war. Im Rahmen einer akuten Erkrankung kommt es dann zu einer weiteren Verschlechterung des Blutzuckerwertes auf die genannten Werte.

CAVE:

! Das hyperosmolare, nichtketoazidotische Koma hat eine höhere Mortalität als die Ketoazidose. Die schlechtere Prognose ist dadurch bedingt, dass es sich um ältere Menschen handelt und dass die Diagnose meist spät gestellt wird.

Klinisch stehen neben

Im Rahmen der Labordiagnostik finden sich die oben beschriebene

Therapie

Laktatazidose

Die Laktatazidose tritt beim Typ-2-Diabetiker als typische, wenn auch inzwischen seltene Komplikation der Biguanidtherapie auf. Sie kann sich insbesondere dann ereignen, wenn ein vermehrter Laktatanfall besteht (Hypoxie jeglicher Genese) oder wenn die Nierenfunktion eingeschränkt ist.

CAVE:

! Die Letalität der Laktatazidose (mit Koma) beträgt > 50%.

Therapie

Therapie in besonderen Situationen
N 1.1 - 17

Operationen

Muss ein Patient mit Diabetes mellitus operiert werden, hängt das Management der perioperativen Blutzuckerspiegeleinstellung von folgenden Parametern ab:

Bei Typ-1-Diabetikern, welche mit einer intensivierten konventionellen Insulintherapie behandelt werden, sollte

Bei Typ-1-Diabetikern, die mit einer Insulinpumpe behandelt werden, sollten

Bei Typ-2-Diabetikern, welche mit oralen Antidiabetika behandelt werden, sollten bei elektiven Eingriffen

Für Typ-2-Diabetiker, welche mit Insulin behandelt werden, gilt das für Typ-1-Diabetiker Gesagte.

Schwere Begleiterkrankungen

Eine gute Blutzuckerspiegeleinstellung scheint die Prognose bei einer Reihe schwerer Allgemeinerkrankungen signifikant zu verbessern. Ein Ziel der intensivmedizinischen Maßnahmen muss deshalb darin bestehen, den Blutzuckerspiegel auf möglichst euglykämische Werte einzustellen. Dies erfordert in vielen Fällen (auch bei bisher nicht diabetischen Patienten) die intravenöse Zufuhr von Insulin.

Reisen

Prinzipiell gilt, dass in unbekannten Situationen (z.B. große Hitze oder Kälte, große Höhe, starke körperliche Belastung, ungewohntes Essen etc.) der Blutzuckerspiegel besonders gewissenhaft kontrolliert werden sollte, da in diesen Situationen ein erhöhter oder verringerter Insulinbedarf auftreten kann.

Kasuistik
N 1.1 - 18

Fall 1

Anamnese

Ein 35-jähriger, schlanker Assistenzarzt bleibt nach einem grippalen Infekt leistungsgemindert, nimmt an Gewicht ab und leidet unter Polyurie und Polydipsie.

  • Nachdem er selbst zunächst von einem protrahierten Infekt ausgegangen war, misst er 4 Wochen nach Symptombeginn einen Blutzucker von 381 mg/dl.
  • Die gleichzeitig durchgeführte Urinuntersuchung ergibt eine ausgeprägte Glukosurie, jedoch keine Ketonurie. Die Familienanamnese ist unauffällig hinsichtlich Diabetes mellitus.

Diagnostik

Die weitere Diagnostik ergibt

  • einen HbA1c-Wert von 13,4%,
  • keinen Hinweis auf das Vorliegen einer diabetischen Nephropathie, Retinopathie oder Neuropathie.
  • Eine Hämochromatose wird ausgeschlossen,
  • Manifestationen des metabolischen Syndroms liegen nicht vor.
Daraufhin wird die Diagnose eines Diabetes mellitus Typ 1 gestellt.

Therapie

Es wird eine intensivierte Insulintherapie begonnen. Hierzu erhält der Patient (186 cm, 73 kg)

  • 12 IE eines langwirkenden Insulinanalogons zur Nacht sowie
  • kurzwirkende Insulinanaloga zu den Hauptmahlzeiten (je nach Blutzucker und verzehrter Kohlenhydratmenge zwischen 6 und 16 IE).

Innerhalb einer Woche kann eine euglykämische Blutzuckereinstellung erreicht werden, der Patient fühlt sich wieder leistungsfähig und nimmt wieder Gewicht zu. 4 Monate nach Therapiebeginn liegt der HbA1c bei 6,1%.

Fall 2

Anamnese

Bei einem 58-jährigen Busfahrer waren die Blutzuckerwerte nach seinen Angaben über mehrere Jahre "grenzwertig".

  • Bei einer erneuten Untersuchung fällt nunmehr ein Blutzucker von 248 mg/dl auf.
  • Der Patient verneint eine Leistungsminderung, eine Polyrurie oder Polydipsie und eine Veränderung des Körpergewichts.

Seit vielen Jahren ist bei dem Patienten außerdem ein erhöhter Blutdruck bekannt, weshalb er ein Thiazid-Diuretikum einnimmt. Weiterhin erwähnenswert sind eine

  • ausgeprägte Adipositas (174 cm, 96 kg) sowie
  • eine positive Familienanamnese für Diabetes mellitus und Atheroskleroseerkrankungen.

Diagnsotik

Die weitere Diagnostik ergibt

  • einen HbA1c von 9,3%,
  • keinen Hinweis auf eine diabetische Nephropathie oder Retinopathie, allerdings
  • den klinischen Hinweis auf eine diabetische Polyneuropathie (eingeschränktes Vibrationsempfinden).
  • Die sonographische Untersuchung der Leber ergibt ein vergrößertes Organ sowie eine Echovermehrung im Sinne einer Fettleber. Die Leberwerte (γ-GT, GPT und GOT) sind auf das 2-3fache des oberen Normwertes erhöht.
  • Der Blutdruck des Patienten liegt bei 145/90 mmHg, im Belastungs-EKG findet sich kein Hinweis auf eine KHK. Im Herzecho findet sich ein mäßig hypertrophierter linker Ventrikel bei guter Pumpfunktion.

Therapie

  • Der Patient nimmt an einer Diabetikerschulung (für Diabetes mellitus Typ 2 ohne Insulinbehandlung) teil und es gelingt ihm, über eine Umstellung des Lebensstils das Körpergewicht um 6 kg zu reduzieren. Dies führt zu einem Absinken der Nüchternblutzuckerwerte auf 110-125 mg/dl; die gelegentlich gemessenen Blutzuckerwerte während des Tages liegen alle unter 130 mg/dl, der HbA1c beträgt nach 3 Monaten 6,5%.
  • Die antihypertensive Therapie wird auf die Kombination eines ACE-Hemmers mit einem Diuretikum (Ramipril und Thiazid-Diuretikum) umgestellt. Der Blutdruck liegt unter dem veränderten Lebensstil und der veränderten Medikation bei 130/85 mmHg.

Nach 15 Monaten steigt das Körpergewicht wieder um 3 kg an und der HbA1c steigt auf 7,3%. Dabei steht eine Erhöhung der Nüchternblutzuckerwerte (zwischen 125 und 140 mg/dl) im Vordergrund.

Weiterführende Literatur
  1. Haisch J, Zeitler H P: Schulung und Motivierung von Diabetes-Patienten heute. Theorie, Methode, Ergebnisse. Schulungsprofi Diabetes 10 (1997) 19-26
  2. Hanas R: Selection for and initiation of continuous subcutaneous insulin infusion. Proceedings from a workshop. Horm Res 57 (S1) (2002) 101-104
  3. Hermanns N, Kulzer B, Maier B, Kubiak T, Haak T: Risikoindikatoren für das Auftreten schwerer Hypoglykämien bei Patienten mit Typ-1-Diabetes mellitus. Diabetes und Stoffwechsel 11 (2002) 145-149
  4. Hirsch A: Patientenzentrierte Diabetesbehandlung. Diabetes und Stoffwechsel 7 (1998) 121-128
  5. Kulzer B, Hermanns N, Kubiak T, Haak T: Hypoglykämieprobleme bei Diabetes mellitus - Ätiologie, Diagnostik und Behandlung. Diabetes und Stoffwechsel 13 (2004) 139-151
  6. Kulzer B, Hermanns N: Mehr Diabetes Selbstmanagement Typ 2: Ein neues Schulungs- und Behandlungsprogramm für Menschen mit nicht-insulinpflichtigem Typ-2-Diabetes. Praxis der Klinischen Verhaltensmedizin und Rehabilitation 54 (2001) 129-136
  7. Waldhäusl W, Kleinberger G, Korn A, Dudczak R, Bratusch-Marrain P, Nowotny P: Severe hyperglycemia: effects of rehydration on endocrine derangements and blood glucose concentration. Diabetes 28 (1979) 577-584
  8. Ziegler D, Gries F: Klassifikation, Epidemiologie, Prognose und sozialmedizinische Bedeutung. Deutsches Ärzteblatt 93 (1996) 44-48