M 16 Radioiodtherapie bei Schilddrüsenerkrankungen
M. Luster, J. Rendl

  1. Vorbemerkungen M 16 - 1
  2. Physikalische und biologische Aspekte der Behandlung mit 131I M 16 - 2
  3. Radioiodtherapie gutartiger Schilddrüsenerkrankungen M 16 - 3
    1. - Indikationen M 16 - 3
    2. - Kontraindikationen M 16 - 3
    3. - Patientenvorbereitung M 16 - 4
    4. - Prätherapeutische Dosisbestimmung M 16 - 5
    5. - Durchführung M 16 - 5
    6. - Nebenwirkungen M 16 - 6
    7. - Risiken M 16 - 6
    8. - Ergebnisse M 16 - 7
  4. Radioiodtherapie bösartiger Schilddrüsenerkrankungen M 16 - 8
    1. - Vorbemerkungen M 16 - 8
    2. - Indikationen M 16 - 8
    3. - Patientenvorbereitung M 16 - 8
    4. - Durchführung M 16 - 8
    5. - Nebenwirkungen und Risiken der RJTh maligner Schilddrüsenerkrankungen M 16 - 9
    6. - Ergebnisse der RJTh differenzierter Schilddrüsenkarzinome M 16 - 10
  5. Kasuistik M 16 - 11

Kernaussagen

  • Häufigste Ursache einer Hyperthyreose im Iodmangelgebiet Deutschland ist die funktionelle Autonomie (unifokal, multifokal, disseminiert).
  • Die Indikation zur definitiven Therapie mittels Radioiod besteht bei manifest hyperthyreoter Stoffwechsellage sowie bei latenter Hyperthyreose, insbesondere beim Auftreten entsprechender Krankheitssymptome wie Herzrhythmusstörungen.
  • Weitere sinnvolle Therapieoptionen einer Radioiodtherapie sind die Rezidivhyperthyreose in der Folge einer Autoimmunthyreopathie vom Typ Morbus Basedow sowie die Strumaverkleinerung.
  • Die Radioiodtherapie ist ein effektives, nebenwirkungsarmes Verfahren zur Beseitigung der Hyperthyreose.
  • Nach Radioiodtherapie sind eine langfristige Nachsorge mit regelmäßigen Kontrollen der Stoffwechsellage und ggf. eine medikamentöse Rezidivprophylaxe erforderlich.
  • Ziele der Radioiodtherapie beim Schilddrüsenkarzinom sind die Ablation von Restgewebe nach Operation sowie die kurative oder palliative Therapie von Tumorresten, -rezidiven, Lymphknoten- und/oder Fernmetastasen.
  • Bei adäquater Behandlung liegen die 10-Jahres-Überlebensraten bei papillären Karzinomen bei etwa 90% (follikulär 70-80%)

Vorbemerkungen
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Radioaktives Iod wird in der Behandlung von Schilddrüsenerkrankungen seit mehr als 50 Jahren eingesetzt. Einige Millionen Schilddrüsenpatienten sind weltweit mit diesem Therapieverfahren erfolgreich behandelt worden, seitdem ab 1946 das in Kernreaktoren gewonnene und häufig als Radioiod bezeichnete Iodisotop 131I zur Verfügung stand. Mit dem β- und γ-Strahlung emittierenden 131I, das bei der systemischen Therapie durch orale oder intravenöse Applikation in Form von Natriumiodid angewandt wird, lassen sich hohe intrathyreoidale Strahlendosen bei der Behandlung von benignen und malignen Schilddrüsenerkrankungen erzielen.

Interdisziplinär abgestimmte Leitlinien zur Radioiodtherapie bei benignen und malignen Schilddrüsenerkrankungen werden von der Deutschen Gesellschaft für Nuklearmedizin publiziert (http://www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/ll_nukle.htm).

Physikalische und biologische Aspekte der Behandlung mit 131I
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Radioiod wird üblicherweise oral als Kapsel verabreicht.

Der therapeutische Effekt von 131I beruht zu etwa 95% auf der Emission geladener Teilchen (Elektronen, β-Strahlung). Dabei wird bei jedem radioaktiven Zerfall im Mittel 0,2 MeV als Strahlungsenergie im umgebenden Gewebe deponiert.

Aufgrund der geringen Reichweite der Teilchen im Gewebe fällt die Dosis durch die β-Strahlung außerhalb der Schilddrüse rasch ab auf etwa ein Zehntel in 0,3 mm Abstand, wodurch die Halsweichteile weitgehend von der Strahlung verschont bleiben. Den Durchmesser der Schilddrüsenfollikel überschreitet die mittlere Reichweite allerdings deutlich. Das im Follikel gespeicherte 131I erreicht mit seiner Strahlung sowohl das Zytoplasma als auch die Zellkerne der zum Follikel gehörenden Schilddrüsenzellen und bestrahlt darüber hinaus auch benachbarte Zellen und Follikel.

Etwa 5% der Schilddrüsendosis wird durch γ-Strahlung verursacht, deren wichtigste Komponente mit einer Energie von 364 keV in etwa 82% der Zerfälle emittiert wird. Nur ein Teil dieser Strahlung gibt ihre Energie an das umliegende Gewebe ab, der Rest verlässt den Körper unbeeinflusst und wird besonders bei malignen Schilddrüsenerkrankungen für die Bildgebung genutzt.

Effekte

Die histologischen und funktionellen Effekte der Bestrahlung von Schilddrüsengewebe mit 131I sind vielfältig. Innerhalb von 2 Monaten nach Verabreichung einer therapeutischen Aktivität von 131I beobachtet man hauptsächlich

Die autoradiographisch nachgewiesene Verteilung sowohl des 131I als auch der Gewebsveränderungen ist sehr heterogen.

Chronische Strahleneffekte können viele Jahre lang persistieren, wobei die Fähigkeit der Schilddrüsenzellen, sich zu teilen und zu erneuern, erheblich reduziert ist. Abhängig von der erzielten Strahlendosis werden so die Therapieziele, nämlich

Radioiodtherapie gutartiger Schilddrüsenerkrankungen
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Indikationen

Funktionelle Autonomie

Als Faustregel gilt:

Bei der funktionellen Autonomie mit manifest hyperthyreoter Stoffwechsellage ist die Indikation zur definitiven Therapie mittels Operation oder Radioiodbehandlung zweifelsfrei gegeben.

Ausnahmen sind lediglich Patienten in sehr hohem Lebensalter, mit kurzer Lebenserwartung oder nicht-hospitalisierbare Patienten; hier ist alternativ eine thyreostatische Dauermedikation in Betracht zu ziehen.

Die Radioiodtherapie (RJTh) hat gegenüber der Operation den Vorteil, selektiv alle funktionell autonomen Zellen im Sinne einer kausalen Behandlung zu erreichen. Demnach ist die Therapie mit 131I bei der multifokalen und disseminierten Autonomie, die zusammen etwa 75% aller Autonomieformen ausmachen, als Therapiemodalität der ersten Wahl anzusehen (Tabelle 1). Dies gilt insbesondere

Die funktionelle Autonomie mit latenter Hyperthyreose stellt, insbesondere beim Auftreten entsprechender Krankheitssymptome wie Herzrhythmusstörungen, ein weiteres therapiebedüftiges Krankheitsbild dar.

Autoimmunthyreopathie

In den USA wird 131I auch bei Patienten mit Autoimmunthyreopathie vom Typ Morbus Basedow als Standardtherapeutikum eingesetzt, während in Europa der Anteil radioiodbehandelter Basedow-Patienten nur etwa 35% beträgt (Tabelle 2).

Indikationen für die definitive Therapie der Basedow-Hyperthyreose sind

Sonstige

Zunehmend werden auch ältere oder multimorbide Patienten mit euthyreoter Knotenstruma behandelt, bei denen die Organverkleinerung im Vordergrund steht. Volumenreduktionen von 50% und mehr sind erreichbar. Oft empfiehlt sich hier eine prophylaktische Gabe nicht-steroidaler Antiphlogistika zur Vermeidung lokaler Kompressionserscheinungen.

Tabelle 1: Indikationen und Therapieziele bei der Radioiodtherapie benigner Schilddrüsenerkrankungen (nach den Leitlinien der Dtsch. Gesellschaft für Nuklearmedizin).
IndikationTherapieziel
Manifeste Hyperthyreose bei
• funktioneller AutonomieBeseitigung der Hyperthyreose und Autonomie
• M. BasedowBeseitigung der Hyperthyreose
Latente Hyperthyreose bei AutonomieBeseitigung der Autonomie
Struma (auch Rezidivstruma) mit und ohne funktionell relevante AutonomieVolumenreduktion der Struma
Tabelle 2: Differenzialindikationen für die Radioiodtherapie benigner Schilddrüsenerkrankungen.
pro Radioiodtherapiepro Operationpro thyreostatische Medikation

  • Struma < 100 ml
  • kein Malignomverdacht
  • erhöhtes Operationsrisiko
  • Rezidiv- bzw. Rest-Autonomie nach erfolgter Operation
  • Unverträglichkeit von Thyreostatika

  • große Struma > 100 ml
  • Malignomverdacht bei kalten Knoten
  • Kompressionssymptome
  • Notwendigkeit eines sofortigen Therapieeffektes

  • M. Basedow mit geringem Rezidivrisiko: Struma < 50 ml
  • TSH-Rezeptor-Antikörper nicht-persistierend stark erhöht

Kontraindikationen

CAVE:

! Absolut kontraindiziert ist die RJTh bei Schwangeren und Stillenden. Vor der Applikation von 131I muss deshalb wegen der hohen Strahlenexposition des Fetus, die besonders nach Beginn der Schilddrüsenanlage in der 12. SSW auftreten würde, eine Gravidität sicher ausgeschlossen werden (ggf. Schwangerschaftstest bei Frauen im gebärfähigen Alter).

Das Lebensalter stellt im Gegensatz zum früher praktizierten Vorgehen keine absolute Kontraindikation mehr dar, allerdings sollte bei Patienten unter 20 Jahren die Indikation zur RJTh bei benignen Schilddrüsenerkrankungen streng gestellt werden.

Patientenvorbereitung
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Bei manifester Hyperthyreose

Als Faustregel gilt:

Generell ist eine peripher euthyreote Stoffwechsellage (Schilddrüsenhormonkonzentrationen für T3 und T4 im Normbereich) vor RJTh anzustreben.

Bei hyperthyreoter Stoffwechsellage mit klinisch ausgeprägter Symptomatik ist eine thyreostatische Vorbehandlung (z.B. als Monotherapie mit 10-20 mg Thiamazol tgl.) bis zum Radioiodtest erforderlich.

CAVE:

! Neuere Studien zeigen, dass der Erfolg der RJTh durch die Fortführung der Thyreostase während der Behandlung beeinträchtigt werden kann. Die Thyreostatika-Medikation sollte daher, falls klinisch vertretbar, spätestens 1-2 Tage vor Beginn der 131I-Therapie abgesetzt werden.

Bei funktioneller Autonomie ohne endogene TSH-Suppression

In diesem Fall nimmt unbehandelt auch das funktionell intakte Schilddrüsengewebe Radioiod auf. Deshalb sollte die RJTh, sofern neben der Beseitigung der Autonomie nicht auch eine Strumaverkleinerung vorgesehen ist, zur Schonung der nicht-autonomen Zellen i.d.R. unter exogener TSH-Suppression erfolgen.

Die Senkung des basalen TSH-Spiegels kann durch die Gabe von Schilddrüsenhormonen erreicht werden, die Dosierung erfolgt körpergewichtsbezogen bzw. in Abhängigkeit vom Autonomiegrad bzw. initialen TSH-Wert. Typische Medikationen sind

CAVE:

! Bei kardial vorbelasteten Patienten sollte die Gabe von T3 vermieden und ggf. Levothyroxin zurückhaltend dosiert werden.

Bei endokriner Orbitopathie (e.O.)

CAVE:

! Vermeidbare Risikofaktoren (nicht adäquat behandelte Hyperthyreose vor Radioiodtherapie, nicht adäquat behandelte Hypothyreose nach Radioiodtherapie, Rauchen) sowie die fehlende Glukokortikoidgabe während der Radioiodtherapie können bei Patienten mit vorbestehender e.O. im Rahmen einer Immunthyreopathie vom Basedow-Typ durch immunmodulierende Effekte der RJTh zu einer Exazerbation der e.O. führen.

Bei diesen Patienten sollte präventiv eine Glukokortikoidbehandlung beginnend mit der Applikation des Radioiods erfolgen (0,4-0,5 mg Prednisolon/kg KG tgl. für 4-6 Wochen). Bei Exazerbation der Augensymptomatik ist ggf. eine höhere Dosierung bzw. eine längere Kortisongabe erforderlich.

Prätherapeutische Dosisbestimmung
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Bei der RJTh sollte die therapeutische Wirkung unter Einsatz der geringstmöglichen Aktivität an Radioiod erreicht werden, um eine unnötige Strahlenbelastung des Patienten zu vermeiden. Außer der regelrechten medikamentösen Vorbereitung ist daher durch eine prätherapeutische Dosimetrie die für den Patienten benötigte Therapieaktivität individuell zu bestimmen.

Die "Richtlinie Strahlenschutz in der Medizin" schreibt diese Dosisbestimmung zwingend vor. Dabei wird die Aktivität A berechnet, durch die das Gewebe der Masse M im sonographisch bestimmten Zielvolumen die notwendige Energiedosis D erhält (s. Kasten).

Als Zieldosen werden empirisch optimierte krankheitsspezifische Werte angestrebt (Tabelle 3).

Tabelle 3: Dosiskonzepte für die Radioiodtherapie benigner Schilddrüsenerkrankungen.
IndikationDosis [Gy]
• unifokale Autonomie300-400
• multifokale und disseminierte Autonomie150-200*
• Strumaverkleinerung150-200
• bei M. Basedow ablativ (Beseitigung der Hyperthyreose)300
* Modifikation unter Berücksichtigung des Technetium-99m-Uptakes unter Suppression möglich

Dosisberechnung:

  • Die an die Masse M verabreichte Dosis D = E / M berechnet sich aus
    • der deponierten Strahlungsenergie E als dem Produkt aus der deponierten Energie pro Zerfall und
    • der Anzahl der Zerfälle im Zielvolumen, die sich durch Integration der Aktivität im Zielvolumen ergibt.
  • Für die zu verabreichende Aktivität gilt:
    • A [MBq] = F/ln(2) × M [g] × D [Gy]/∫U(t)dt[% × d].

Der Faktor F = 24,7 MBq × d × %/g/Gy enthält Umrechnungsfaktoren und die mittlere deponierte Energie pro Zerfall.

U(t) (Radioiod-Uptake) ist der zur Zeit t nach der Verabreichung im Zielvolumen gespeicherte Prozentsatz der Aktivität.

Das Zeitintegral der Radioiodspeicherung ∫U(t)dt wird im so genannten Radioiodtest prätherapeutisch nach Verabreichung einer geringen Menge 131I oder 123I gemessen. Idealerweise wird dabei über einen längeren Zeitraum immer wieder die Iodspeicherung bestimmt. Unter Annahme eines monoexponenziellen Abfalls der Aktivität im Zielvolumen kann das Integral aus der effektiven Halbwertszeit des Abfalls und der maximalen Speicherung berechnet werden.

In vereinfachten Verfahren kann das Zeitintegral durch Messung der Speicherung nach 24 Stunden und Annahme eines krankheitsspezifischen Mittelwerts für die effektive Halbwertszeit abgeschätzt oder aus einem Messwert nach 5-8 Tagen in guter Näherung berechnet werden.

CAVE:

! Abzulehnen sind Standardaktivitäten und die Planung fraktioniert durchgeführter Radioiodbehandlungen.

Durchführung

In Deutschland muss die RJTh aus Gründen des Strahlenschutzes stationär durchgeführt werden, ein mindestens 48-stündiger Aufenthalt auf einer speziellen Therapiestation ist obligat.

Nebenwirkungen
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CAVE:

! Sog. Späthypothyreosen treten oft erst nach Jahren ein, was eine regelmäßige konsequente Nachsorge nach RJTh unverzichtbar macht.

Risiken

Somatische und genetische Folgen der Behandlung mit Strahlen stellen zumindest theoretisch potenzielle Risiken für den Patienten dar.

Karzinom-Risiko

Die Frage der Karzinogenese nach RJTh benigner Schilddrüsenerkrankungen wurde besonders in den USA und in Schweden untersucht. Diese Studien schließen mehrere hunderttausend Patienten-Jahre ein.

Im Vergleich zu den Kontrollgruppen konnte bei den mit 131I therapierten Patienten kein signifikant erhöhtes Karzinomrisiko z.B. für Leukämie oder für ein Schilddrüsenkarzinom gefunden werden, sodass die Radioiodtherapie auch diesbezüglich ein sicheres Therapieverfahren darstellt.

Genetisches Risiko

Die Gonadendosis bei der RJTh gutartiger Schilddrüsenerkrankungen liegt in der Größenordnung von 0,05 mGy pro MBq 131I. Sie bewegt sich größenordnungsmäßig im Bereich von üblichen, häufig praktizierten radiologischen Verfahren wie z.B. intravenöses Urogramm oder Computertomographie des Beckens. Es gibt keine Hinweise darauf, dass bei derartig niedrigen Expositionen ein gesteigertes Risiko für genetische Anomalien besteht.

Als Faustregel gilt:

  • Aus strahlenhygienischer Sicht wäre es nicht erforderlich, Schwangerschaften in den Monaten nach RJTh zu vermeiden.
  • Allerdings sollte das Eintreten des Therapieeffekts der RJTh abgewartet werden, da bei einer Rest- oder Rezidivhyperthyreose mit Schwangerschaftskomplikationen gerechnet werden muss. Deshalb sollte nach RJTh zur Sicherheit eine 6-monatige Karenz eingehalten werden.

Ergebnisse
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Der Wirkungseintritt der RJTh vollzieht sich meist in den ersten 3 Monaten nach durchgeführter Therapie. Die häufig gewünschte Strumaverkleinerung ist im Verlauf über bis zu 2 Jahre zu beobachten.

Die Erfolgs- und Nebenwirkungsraten sind an die Dosis-Wirkungs-Beziehung geknüpft:

Radioiodtherapie bösartiger Schilddrüsenerkrankungen
M 16 - 8

Vorbemerkungen

Ziel der Radioiodtherapie differenzierter Schilddrüsenkarzinome ist die selektive Bestrahlung von iodspeicherndem Schilddrüsenrest- und/oder Schilddrüsenkarzinomgewebe mittels Applikation von 131I. Obwohl differenzierte Schilddrüsenkarzinome generell wenig strahlensensibel sind, stellt die RJTh aufgrund der hohen erzielbaren Strahlendosen dennoch eine sehr effiziente Methode zur Behandlung dieser Tumoren dar.

Schilddrüsenmalignome, die sich vom Follikelepithel ableiten, wie papilläre und follikuläre Karzinome, exprimieren die für die Radioiodaufnahme entscheidende Zellstruktur, den Natriumiodid-Symporter. Tumordosen von mehr als 500 Gy können so bei der systemischen Therapie mit 131I erzielt werden (zum Vergleich: max. Tumordosen bei externer Radiatio ca. 70 Gy).

Die adjuvante Ablation schafft somit optimale Voraussetzungen für die weitere Tumornachsorge (Thyreoglobulin-Bestimmung, diagnostische 131I-Szintigraphie).

Indikationen

Grundsätzlich gibt es bei der RJTh der Schilddrüsenkarzinome zwei unterschiedliche Ansätze und entsprechende Indikationen, die in Tabelle 4 zusammengestellt sind. Die Stadieneinteilung der Tumoren erfolgt anhand der histopathologischen Tumorklassifikation nach UICC (2002).

Tabelle 4: Indikationen und Therapieziele bei der Radioiodtherapie maligner Schilddrüsenerkrankungen (nach den Leitlinien der Dt. Gesellschaft für Nuklearmedizin).
IndikationenTherapieziele
• postoperativ verbliebenes Rest-Schilddrüsengewebeadjuvante Ablation als optimale Voraussetzung zur Tumornachsorge mit Radioiod und Thyreoglobulin
• Lokalrezidive, Lymphknoten- und Fernmetastasen, inoperable sowie nicht vollständig operable Tumorenkurative oder palliative Therapie radioiodspeichernden Tumorgewebes
• papilläres Mikrokarzinom pT1a, N0, M0 mit Tumor-durchmesser ≤ 1,0 cm nach eingeschränkter radikaler Operationkeine Indikation zur Radioiodtherapie

Patientenvorbereitung

Durchführung

Tabelle 5: Zielsetzung und Therapieaktivitäten bei der Radioiodtherapie differenzierter Schilddrüsenkarzinome.
ZielsetzungTherapieaktivitäten
ablativ, 24 Std. 131I-Uptake
• < 10%• 2-5 GBq 131I1
• 10-20%• 2-4 GBq 131I1
• > 20%• Reoperation
kurativ / palliativ5-15 GBq 131I2
1 individuelle Aktivitätsabschätzung für eine Herddosis > 300 Gy alternativ
2 individuelle Aktivitätsabschätzung; bei hohen Aktivitäten Beschränkung auf maximal 2 Gy Blutdosis
Begleitende Maßnahmen:

Die posttherapeutische Ganzkörperszintigraphie erfolgt i.d.R. am Entlassungstag, jedoch nicht früher als 72 Std. nach Applikation der Therapieaktivität.

Nebenwirkungen und Risiken der RJTh maligner Schilddrüsenerkrankungen
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Bei den Nebenwirkungen nach hochdosierter RJTh maligner Schilddrüsentumoren ist zwischen Früh- und Spätfolgen zu unterscheiden (Tabelle 6).

Frühfolgen

Tabelle 6: Frühe und späte Nebenwirkungen der Radioiodtherapie differenzierter Schilddrüsenkarzinome.
NebenwirkungenHäufigkeit
früh
• lokale schmerzhafte Schwellung der Restschilddrüse, des Tumors bzw. der Metastasen10-20%
• passagere Gastritis30%
• passagere Knochenmarkveränderungen mit Thrombo-/Leukopeniebis zu 70%
• radiogene Sialadenitis30%
spät
• Sicca-Syndrom10-20%
• Knochenmarkdepressionselten
• Leukämie1%
• Lungenfibrose1%
• Azoospermiesehr selten
Spätfolgen

Zu den Spätkomplikationen der RJTh zählen darüber hinaus

Die Gonadendosis liegt selbst nach hohen kumulativen 131I-Aktivitäten von ca. 30 GBq, die bei Patienten mit metastasierten Karzinomen in Einzelfällen zur Tumorkontrolle erforderlich sind, mit durchschnittlich 0,5 Gy deutlich unterhalb der Sterilisationsschwellendosis, die beim Mann etwa 1,5 Gy und bei der Frau 3 Gy beträgt.

Zahlreiche Studien, bei denen die Nachkommen von radioiodtherapierten Patienten untersucht wurden, haben gezeigt, dass kein erhöhtes genetisches Risiko nach RJTh besteht.

Als Faustregel gilt:

Schilddrüsenkarzinompatienten mit Kinderwunsch sollten nach RJTh dennoch eine Karenz von 6 Monaten einhalten.

Ergebnisse der Radioiodtherapie differenzierter Schilddrüsenkarzinome
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Bei Anwendung standardisierter Therapieprotokolle bestehend aus Thyreoidektomie, RJTh und TSH-suppressiver Schilddrüsenhormongabe ist die Prognose von Patienten mit differenziertem Schilddrüsenkarzinom ausgesprochen gut mit 10-Jahres-Überlebensraten von 80-90% bei papillären und 70-80% bei follikulären Karzinomen.

Kasuistik
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Anamnese

Eine 68-jährige Patientin stellt sich mit der Frage nach möglichen Therapieoptionen bei ausgeprägter Struma in der Schilddrüsenambulanz vor.

Diagnostik

Klinischer Befund:

Schilddrüsen-Sonogramm:

Beidseits mäßiggradig bis stark vergrößerte, linksbetonte SD mit inhomogenem, tendenziell normalem Reflexmuster und zahlreichen Herdbefunden. Beide Schilddrüsenlappen reichen bis nach retrosternal.

Schilddrüsen-Szintigramm:

22 Min. Uptake: 10,4% Aktivität/Nuklid: 62,9 MBq Tc-99m-Pertechnetat.

In orthotoper Lage kommt eine linksbetonte, stark vergrößerte Schilddrüse von inhomogener Nuklidbelegung zur Darstellung. Es zeigen sich mehrere umschriebene Speicherbetonungen.

Schilddrüsenlabor: Werte s. Tabelle 7.

Tabelle 7: Schilddrüsenlaborwerte bei 68-jähriger Patientin mit ausgeprägter Struma.
ErgebnisNormbereich
FT4 (LIA; freies Thyroxin)20,9 pmol/l11-23
FT3 (SPART; freies Triiodthyronin)7,4 pmol/l3,4-7,6
TSH (ILMA; TSH-Basisspiegel)0,03 mU/l0,3-4
TPO AK (EIA; TPO-Antikörper, rekombinant)0 IU/mlbis 100
TG AK (EIA; Thyreoglobulin-Antikörper)0 IU/mlbis 100

Schilddrüsenspezifische Diagnosen:

Weitere Begleiterkrankungen:

Therapie

Weiterführende Literatur
  1. Bartalena L, C Marcocci, F Bogazzi et al.: Relation between therapy for hyperthyroidism and the course of Graves' ophthalmopathy. N Engl J Med 338 (1998) 73-78
  2. Dietlein M, Dressler J, Grünwald F, Leisner B, Moser E, Reiners C, Schicha H, Schneider P, Schober O: Leitlinie zur Radioiodtherapie (RIT) bei benignen Schilddrüsenerkrankungen. Nuklearmedizin 43 (2004) 217-220
  3. Dietlein M, J Dressler, J Farahati, F Grünwald, B Leisner, E Moser, C Reiners, H Schicha, O Schober: Leitlinie zur Radioiodtherapie (RIT) beim differenzierten Schilddrüsenkarzinom. Nuklearmedizin 43 (2004) 115-120
  4. Luster M, F Lippi, B Jarzab, P Perros, M Lassmann, C Reiners, F Pacini: Review: rhTSH-aided radioiodine ablation and treatment of differentiated thyroid carcinoma: a comprehensive review. Endocr Relat Cancer 12 (2005) 17-45
  5. Reiners C: Radioiodtherapie. Indikation, Durchführung und Risiken. Dtsch Ärzteblatt 90 (1993) A1-2996-3003
  6. Reiners C: Zum Krebs- und genetischen Risiko nach Radioiodtherapie der Hyperthyreose. Der Nuklearmediziner Nr. 5, 20 (1997) 331-333
  7. Reiners C, J Farahati: 131I therapy of thyroid cancer patients. Q J Nucl Med 43 (1999) 324-335
  8. Richtlinie Strahlenschutz in der Medizin vom 24. Juni 2002, Band. Nr. 207a vom 07.11.02
  9. Ron E, M M Doody, D V Becker, A B Brill et al.: Cancer mortality following treatment for adult hyperthyroidism. Cooperative Thyrotoxicosis Therapy Follow-up Study Group. JAMA 280 (1998) 347-355
  10. Rubino C, F de Vathaire, M E Dottorini, P Hall, C Schvartz, J E Couette, M G Dondon, M T Abbas, C Langlois, M Schlumberger: Second primary malignancies in thyroid cancer patients. Br J Cancer 89 (2003) 1638-1644
  11. Sabri O, M Zimny, G Schulz, M Schreckenberger, P Reinartz, K Willmes, U Buell: Success rate of radioiodine therapy in Graves' disease: the influence of thyrostatic medication. J Clin Endocrinol Metab 84 (1999) 1229-1233
  12. Schicha H, C Reiners: Ambulante versus stationäre Radioiodtherapie. Nuklearmedizin 37 (1998) 3-5
  13. SSK-Empfehlung: Strahlenschutzgrundsätze für die Radioiod-Therapie. Bundesanzeiger Nr. 68 vom 11. April 1997, S. 4769