C 2 Entzündliche Erkrankungen des Herzens (Endokarditis, Myokarditis, Perikarditis)
F. Saborowski

  1. Vorbemerkungen und diagnostische Voraussetzungen C 2 - 1
  2. Endokarditis C 2 - 2
    1. - Rheumatisches Fieber und rheumatische Endokarditis C 2 - 2
    2. - Infektiöse Endokarditis C 2 - 3
  3. Myokarditis C 2 - 4
    1. - Virusmyokarditis C 2 - 4
    2. - Myokarditis bei parasitären Erkrankungen C 2 - 4
    3. - Myokarditis bei Pilzerkrankungen C 2 - 4
    4. - Infektiös-toxische Myokarditis C 2 - 4
    5. - Seltene Myokarditisformen C 2 - 4
  4. Perikarditis C 2 - 5

Kernaussagen

  • Entzündliche Erkrankungen des Herzens können Endo-, Myo- und Perikard jeweils einzeln betreffen oder mehrere Bereiche erfassen.
  • Auslöser können unterschiedliche Erreger sein (Viren, Bakterien, Pilze, Parasiten). Weiterhin können rheumatische, allergische und Autoimmunerkrankungen u.a. zu Herzmuskelentzündungen führen.
  • Von wesentlicher Bedeutung für eine erfolgreiche Therapie ist bei Infektionen die gründliche mikrobiologische Charakterisierung des Erregers.
  • Folge einer Streptokokkeninfektion ist die rheumatische Endokarditis, die nach der Akutbehandlung - vorwiegend mit Penicillin G - eine sorgfältige und langwierige Rezidivprophylaxe erforderlich macht.
  • Bei der infektiösen Endokarditis können eine akute und eine subakute Form unterschieden werden. Letztere ist als hochgradig kritisch einzustufen. Die Behandlung erfolgt erregerspezifisch mit unterschiedlichen Chemotherapeutika.
  • Die Myokarditis wird überwiegend symptomatisch behandelt bzw. je nach der auslösenden Grunderkrankung.
  • Bei der Perikarditis kann man eine akute und eine chronische Form unterscheiden. Auch hier folgt die Therapie der jeweiligen Grunderkrankung.

Vorbemerkungen und diagnostische Voraussetzungen
C 2 - 1

Entzündliche Erkrankungen kommen am Endo-, Myo- und Perikard isoliert vor oder betreffen mehrere Anteile des Herzens. Die Ätiologie der entzündlichen Veränderungen kann in dem Befall mit unterschiedlichen Erregern bestehen. Auf der anderen Seite sind als Ursachen eine rheumatische Erkrankung, eine hyperergisch-allergische Erkrankung (z.B. Postkardiotomie- und Postmyokardinfarkt-Syndrom) und die verschiedenen Formen einer Kollagenose zu nennen. Doerr (1971) fand bei 6 696 obduzierten Patienten in 9,2% der Fälle eine Endokarditis, in 5,8% eine Myokarditis und in 5% eine Perikarditis.

Schließlich sind bei den verschiedenen Herzmuskelerkrankungen immunologische Reaktionen auf myokardiale Proteine von besonderer Bedeutung. Die Antikörperbildung kann durch muskelassoziierte und durch organunspezifische Antigene hervorgerufen werden.

Diagnostik

Neben Vorgeschichte, klinischem Befund und Labor-daten sind folgende Verfahren wichtige diagnostische Hilfen:

Wesentlich zur Diagnosestellung können weiterhin beitragen die

Als Faustregel gilt:

Die Identifizierung von Endokarditis-Erregern gelingt am ehesten, wenn 3-4 Paare von Blutkulturen in ausreichendem Zeitabstand vor dem Beginn der Therapie mit Antibiotika gewonnen werden.

Endokarditis
C 2 - 2

Rheumatisches Fieber und rheumatische Endokarditis

Das rheumatische Fieber ist eine Poststreptokokkeninfektion mit hämolysierenden Streptokokken der serologischen Gruppe A. Am Herzen findet man eine Pankarditis, die sich am Endo-, Myo- und Perikard abspielt.

Das rheumatische Fieber führt bei Kindern in ca. 70%, bei Erwachsenen in ca. 20% der Fälle zu einer rheumatischen Karditis. Häufigste Ursache ist eine Angina tonsillaris mit Streptokokken der serologischen Gruppe A. Die Entwicklung von Herzklappenfehlern ist bei Kindern besonders häufig (ca. 60%), bei Erwachsenen deutlich geringer (ca. 12%).

Therapieziele

Behandlungsmaßnahmen

Patienten mit akutem rheumatischem Fieber und Herzbeteiligung sollten stationär behandelt werden.

Pharmakotherapie

Zu den nachstehend angeführten Chemotherapeutika s.a. Kap. B 5 - 1, Prinzipien der antibakteriellen Chemotherapie.

Akute Krankheitsphase

Chronische Krankheitsphase

Zu Wirkungsweise und therapeutischem Wert der Antibiotika s. Kapitel B 5 - 1, Prinzipien der antibakteriellen Chemotherapie.

Nebenwirkungen der bio- und halbsynthetischen Penicilline

Bei der hochdosierten Therapie mit Salicylsäure können als Nebenwirkungen Schwindelerscheinungen, Schläfrigkeit, Erbrechen, Ohrensausen und eine metabolische Azidose mit Hyperventilation auftreten.

Infektiöse Endokarditis
C 2 - 3

Von einer subakuten Form (Endocarditis lenta) wird eine akute infektiöse Endokarditis abgegrenzt.

Subakute Endokarditis (Endocarditis lenta)
Therapieziele

Als Faustregel gilt:

Patienten mit einer Endocarditis lenta sind hochgradig gefährdet und können oft nur unter intensivmedizinischen Bedingungen erfolgreich behandelt werden.

Pharmakotherapie

Erregernachweis durch mehrfache Blutkulturen und Resistenztestung des Erregers sind Grundlage für eine gezielte antibiotische Therapie.

Nach mikrobiologischen Analysen ist es im Laufe der letzten 20 Jahre zu einer Änderung des Erregerspektrums gekommen. Streptokokken finden sich gegenwärtig in 50%, Streptococcus viridans nur noch in 35% der Fälle verglichen mit einer Häufigkeit in den Nachkriegsjahren von 80-90%. Neue Erreger sind überwiegend

Die Häufigkeit von anderen Erregern (Pneumokokken, Haemophilus influenzae u.a.) kann als gering angesehen werden (3,8%). Pilze werden in 0,7% der Fälle gefunden.

Tabelle 1: Therapie der bakteriellen Endokarditis.
WirkstoffeHandelspräparate1EinzeldosisDosen pro Tag3
Streptokokken der Viridans-Gruppe
Penicillin G kombiniert mit einem Aminoglykosid,Penicillin G Hoechst10 Mio. IE i.v.alle 6 Std. für 2-4 Wochen
z.B. GentamicinRefobacin®240 mg i.m. bzw. i.v.alle 8 Std. für ca. 2 Wochen
bei Penicillin- und/oder Cephalosporin-Allergie
Vancomycin (allein oder kombiniert mit Rifampicin oder einem Aminoglykosid)Vancomycin-HCl®0,5 g i.v. als Kurzinfusion über 30 minalle 6 Std. für 2-4 Wochen
alternativ: Clindamycin (kombiniert mit einem Aminoglykosid)Sobelin®600 mg i.v.alle 8 Std. für 4 Wochen
Penicillin-tolerante Streptokokken (z.B. der serologischen Gruppe B)
Vancomycin (allein oder kombiniert mit Rifampicin oder einem Aminoglykosid)Vancomycin-HCl®0,5 g i.v. als Kurzinfusion über 30 minalle 6 Std. für 4 Wochen
Enterokokken
Ampicillin kombiniert mit einem Aminoglykosid,Binotal®5 g i.v.alle 8 Std. für 4 Wochen
z.B. GentamicinRefobacin®240 mg i.m. bzw. i.v.alle 8 Std. für 2 Wochen
bei Ineffektivität oder Allergie
Vancomycin kombiniert mit einem AminoglykosidVancomycin-HCl®0,5 g i.v. als Kurzinfusion über 30 minalle 6 Std. für 4 Wochen
Staphylokokken
Penicillin-sensible
Penicillin G kombiniert mit einem Aminoglykosid,Penicillin G Hoechst10 Mio. IEalle 6 Std. für 4 Wochen
z.B. GentamicinRefobacin®240 mg i.m. bzw. i.v.alle 8 Std. für ca. 2 Wochen
Penicillin-resistente
Flucloxacillin (kombiniert mit einem Aminoglykosid)Staphylex®4 g i.v.alle 8 Std. für 4 Wochen
bei Oxacillin-Resistenz und bei Penicillin-Allergie
Vancomycin (allein oder kombiniert mit Rifampicin oder Fosfomycin oder einem Aminoglykosid)Vancomycin-HCl®0,5 g i.v. als Kurzinfusion über 30 minalle 6 Std. für 4 Wochen
alternativ: Clindamycin (kombiniert mit einem Aminoglykosid)Sobelin®600 mgalle 8 Std. für 4 Wochen
1 Weitere Handelspräparate z.B. im blauen Teil der Roten Liste.
2Die empfohlene Refobacin-Dosis ist mit 40 mg pro Einzelgabe niedrig. Die Dosis kann verdoppelt und verdreifacht werden. Es gilt die Empfehlung, Kontrollen von Tal- und Spitzenspiegeln zu veranlassen.
3Die angegebene Zeitdauer der Behandlung dient lediglich als Anhaltspunkt und ist vom klinischen Bild und Verlauf abhängig zu machen. Alle Aminoglykoside sind jeweils nur für 2 Wochen anzuwenden.

Für die Therapie werden vorwiegend β-Laktam- und/oder Aminoglykosid-Antibiotika eingesetzt.

Nebenwirkungen

Diese sind bereits für die Gruppe der bio- und halbsynthetischen Penicilline abgehandelt worden (s.o.). Jede hochdosierte Chemotherapie erfordert die regelmäßige Kontrolle des Blutbildes, der Leberenzyme und der Retentionswerte.

Die Dosisreduzierung von Chemotherapeutika muss bei eingeschränkter Nierenfunktion und schwerer Lebererkrankung jeweils streng beachtet werden (vgl. Kapitel A 3, Arzneimitteltherapie bei Patienten mit Niereninsuffizienz und Kapitel A 4, Arzneimitteltherapie bei Patienten mit Leberinsuffizienz).

Durch die Gabe von Antibiotika werden gleichzeitig Elektrolyte zugeführt. 1 Mega Penicillin-G-K enthält 67,5 mg Kalium. Moderne Präparate enthalten das Natrium- und Kaliumsalz in physiologischen Verhältnissen.

Tabelle 2: Therapie der bakteriellen Endokarditis bei seltenen Erregern.
WirkstoffeHandelspräparate1EinzeldosisDosen pro Tag3
Pneumokokken
Therapie der Wahl
Penicillin G kombiniert mit einem Aminoglykosid,Penicillin G Hoechst5-10 Mill. IE i.v.alle 6 Std. für 2-4 Wochen
z.B. GentamicinRefobacin®240 mg i.m. bzw. i.v.alle 8 Std. für ca. 2 Wochen
Alternativen
• Amoxicillin kombiniert mit einem AminoglykosidAmoxypen®5 g i.v.alle 8 Std. für 4 Wochen
• Cefalotin kombiniert mit einem AminoglykosidCepovenin®4 g i.v.alle 8 Std. für 4 Wochen
• Erythromycin kombiniert mit einem AminoglykosidErythrocin®500 mg i.v.alle 6 Std. für 4 Wochen
• Clindamycin kombiniert mit einem AminoglykosidSobelin®600 mg i.v.alle 8 Std. für 4 Wochen
Pseudomonas aeruginosa
Therapien der Wahl (alternativ)
• AzlocillinSecuropen®2-5 g i.v.alle 8 Std. für 4 Wochen
• PiperacillinPipril®2-6 g i.v.alle 8 Std. für 4 Wochen
• Apalcillin kombiniert mit TobramycinLumota®2-3 g i.v.alle 8 Std. für 4 Wochen
Gernebcin®75 mg i.v.alle 6 Std. für ca. 3 Wochen
• NetilmycinCertomycin®100 mg i.v.alle 8 Std. für 3 Wochen
• AmikacinBiklin®250-350 mg i.v.alle 8 Std. für 2 Wochen
Alternativen
• Ticarcillin kombiniert mit TobramycinAerugipen®5 g i.v.alle 6 Std. für 4 Wochen
• Ceftazidim kombiniert mit TobramycinFortum®1-2 g i.v.alle 8 Std. für 4 Wochen
• Ciprofloxacin kombiniert mit TobramycinCiprobay®200-400 mg i.v.alle 12 Std. für 4 Wochen
E. coli, Proteus mirabilis, Salmonella sp.
Therapien der Wahl (alternativ)
• Mezlocillin kombiniert mit einem Aminoglykosid,Baypen®5 g i.v.alle 8-5 Std. für 4 Wochen
z.B. GentamicinRefobacin®240 mg i.m. bzw. i.v.alle 8-6 Std. für ca. 2 Wochen
• Piperacillin kombiniert mit einem AminoglykosidPipril®2-6 g i.v.alle 8 Std. für 4 Wochen
Alternativen
• Cephalosporine (3./4. Generation) kombiniert mit einem Aminoglykosid
z.B. CefotaximClaforan®2-4 g i.v.alle 8 Std. für 4 Wochen
z.B. LamoxactamMoxalactam®2-4 g i.v.alle 8-12 Std. für 4 Wochen
• Ciprofloxacin kombiniert mit TobramycinCiprobay®200-400 mg i.v.alle 12 Std. für 4 Wochen
Proteus, indolpositiv und Klebsiella
Therapien der Wahl (alternativ)
• CefotaximClaforan®2-4 g i.v.alle 8 Std. für 4 Wochen
• Lamoxactam kombiniert mit einem Aminoglykosid,Moxalactam®2-4 g i.v.alle 8-12 Std. für 4 Wochen
z.B. GentamicinRefobacin®240 mg i.m. bzw. i.v.8-6 Std. für ca. 2 Wochen
Alternative
Ciprofloxacin kombiniert mit TobramycinCiprobay®200 mg i.v.alle 12 Std. für 4 Wochen
Haemophilus sp.
Therapie der Wahl
AmpicillinAmblosin®5 g i.v.alle 8 Std. für 4 Wochen
Alternativen
Cephalosporine z.B. CefotaximClaforan®2-4 g i.v.alle 8 Std. für 4 Wochen
Brucella sp.
Therapie der Wahl
Tetracyclin kombiniert mit einem Aminoglykosid,Reverin®275 mg i.v.alle 12 Std. für 3 Wochen
z.B. GentamicinRefobacin®40 mg i.m. oder i.v.alle 8-6 Std. für ca. 2 Wochen
Alternativen
• TrimethoprimBactrim®160-240 mgalle 12 Std. für 3 Wochen
• Sulfamethoxazol 800-1 200 mg (i.v.-Infusion)
Bacteroides fragilis
Therapie der Wahl
MetronidazolClont®500 mg i.v.alle 8 Std. für 3-4 Wochen
Alternativen
• ClindamycinSobelin®600 mg i.v.8 stdl. für 4 Wochen
• LamoxactamMoxalactam®2-4 g i.v.8-12 stdl. für 4 Wochen
1 Weitere Handelspräparate z.B. im blauen Teil der Roten Liste.
2 Die empfohlene Refobacin-Dosis ist mit 40 mg pro Einzelgabe niedrig. Die Dosis kann verdoppelt und verdreifacht werden. Es gilt die Empfehlung, Kontrollen von Tal- und Spitzenspiegeln zu veranlassen.
3 Die angegebene Zeitdauer der Behandlung dient lediglich als Anhaltspunkt und ist vom klinischen Bild und Verlauf abhängig zu machen. Alle Aminoglykoside sind jeweils nur für 2 Wochen anzuwenden.
Akute Endokarditis

Diese Form der infektiösen Endokarditis ist in den meisten Fällen durch Staphylokokken verursacht und kommt bei herzoperierten Patienten, Drogensüchtigen und Patienten mit extrakardialen Staphylokokken-Infektionen (z.B. Dialysepatienten) vor. Bezüglich der Therapieziele, des Behandlungsrahmens und der Chemotherapie ergeben sich keine neuen Gesichtspunkte gegenüber der Endocarditis lenta.

Die Prothesen-Endokarditis mit Staphylokokken wird kombiniert mit Flucloxacillin, Gentamicin und Rifampicin oder Fosfomycin, alternativ mit Vancomycin, Gentamicin und Rifampicin oder Fosfomycin (Tabelle 3) behandelt.

CAVE:

! Es muss nachdrücklich betont werden, dass neben der konservativen Therapie der bakteriellen Endokarditis die frühzeitige Klappenersatzoperation in das Behandlungsschema der akuten Endokarditis gehört. Dabei muss die Entscheidung zum herzchirurgischen Eingriff in enger Zusammenarbeit von konservativ und chirurgisch tätigen Kardiologen und Bakteriologen erfolgen.

Nach Angaben der Literatur ergeben sich für die Klappenersatzoperation bei der akuten Endokarditis folgende Indikationen:

Tabelle 3: Staphylokokken-Endokarditis (S. aureus, S. epidermidis) bei Klappenprothesen.
TherapieDosierungDauer
Oxacillin-empfindliche Erreger (MHK < 1 mg/ml)
Flucloxacillin8-12 g/Tag, aufgeteilt in 4-6 gleiche Einzeldosenmindestens 6 Wochen
+
Gentamicin3 mg/kg KG/Tag, aufgeteilt in 3 gleiche Einzeldosen2 Wochen
+
• Rifampicin900 mg/Tag oral, aufgeteilt in 3 gleiche Einzeldosenmindestens 6 Wochen
oder
• Fosfomycin15-20 g/Tag, aufgeteilt in 3-4 gleiche Einzeldosenmindestens 6 Wochen
Oxacillin-resistente Erreger (MHK > 1 mg/ml), Penicillin-unverträglichkeit
Vancomycin2 g/Tag, aufgeteilt in 2-4 gleiche Einzeldosenmindestens 4-6 Wochen
Tabelle 4: Endokarditisrisiko bei Herzfehlern und postoperativen Befunden.
A. Herzfehler und postoperative Befunde, die zu einer bakteriellen Endokarditis prädisponieren

  • Zustand nach biologischem oder mechanischem Herzklappenersatz
  • Zustand nach infektiöser Endokarditis
  • angeborene und erworbene Herzklappenfehler
  • angeborene Herzfehler, wie z.B.
    • Aortenisthmusstenose
    • Ductus Botalli apertus
    • Ventrikelseptumdefekt
    • Vorhofseptumdefekt (Primumtyp)
    • sub- oder supravalvuläre Aortenstenose
    • zyanotische Vitien
  • Zustand nach palliativer Operation angeborener Herzfehler
  • inkomplett korrigierte angeborene Herzfehler
  • hypertrophische obstruktive Kardiomyopathie (HOCM)
  • Mitralklappenprolaps (MVP) mit systolischem Geräusch

B. Herzfehler und postoperative Befunde, für die kein erhöhtes Endokarditisrisiko belegt ist

  • Vorhofseptumdefekt (Sekundumtyp)
  • Mitralklappenprolaps (MVP) ohne systolisches Geräusch
  • Morbus Ebstein
  • koronare Herzerkrankung
  • Zustand nach koronarer Bypass-Operation
  • Zustand nach Schrittmacherimplantation
  • Zustand nach erfolgreichem Verschluss eines Vorhof- (Primumtyp) oder Ventrikelseptumdefektes
  • Zustand nach Ligatur eines Ductus Botalli apertus
  • Zustand nach Operation einer Aortenisthmusstenose

Tabelle 5: Diagnostische und therapeutische Eingriffe, die aufgrund der nachgewiesenen Bakteriämie-Inzidenz einer Endokarditisprophylaxe bei bestimmten Risikoträgern bedürfen.
Oropharynx und Respirationstrakt

  • Zahnextraktionen und andere zahnärztliche Eingriffe (einschließlich Zahnsteinentfernung)
  • Tonsillektomie und andere HNO-ärztliche Eingriffe
  • Intubation
  • starre Bronchoskopie
  • flexible Bronchoskopie mit Biopsie

Gastrointestinal-, Urogenitaltrakt und andere

  • Abdominalchirurgie
  • urologische Operationen
  • gynäkologische Operationen
  • Blasenkatheterisierung
  • Zystoskopie
  • Ösophagusdilatation und -sklerosierung
  • Gastroduodenoskopie
  • endoskopische retrograde Cholangio(pankreato)graphie, ERC(P)
  • starre Sigmoidoskopie
  • Koloskopie
  • Kontrasteinlauf
  • Leberbiopsie
  • Hämorrhoidektomie

Tabelle 6: Endokarditisprophylaxe.
EingriffeStandardmedikationbei Penicillinunverträglichkeit
Oropharynx, RespirationstraktPenicillin 2 Mill. IEClindamycin 600 mg
Urogenital-, IntestinaltraktAmoxicillin 2-3 gOfloxacin1 400 mg
Patienten mit besonders hohem Endokarditisrisiko, maximaler Schutz angestrebt
Oropharynx, RespirationstraktPenicillin G 2 Mill. IE i.v.Vancomycin3 1 g i.v.
+
• Streptomycin 0,5 g i.m.2, 3
• Gentamicin 180 mg i.m.2, 3
Urogenital-, IntestinaltraktAmpicillin 2 g i.v.Vancomycin3 1 g i.v.
+
Gentamicin 80 mg i.m.2, 3
1 Kontraindikationen: Kinder unter 16 Jahren und Schwangere.
2 Bei Patienten unter Antikoagulanzien sind i.m.-Injektionen kontraindiziert; in diesem Fall langsame i.v.-Injektion oder Kurzinfusionen.
3 Bei Schwangeren sind Aminoglykoside und Vancomycin kontraindiziert, dann 2-4 g Cefalotin i.v.

Die Empfehlungen für eine effektive Prophylaxe bakterieller Endokarditiden sind von der Kommission für klinische Kardiologie der Deutschen Gesellschaft für Herz- und Kreislaufforschung erarbeitet worden und sind in den Tabellen 4-7 wiedergegeben. Dabei werden Herzfehler und postoperative Befunde definiert, die zu einer bakteriellen Endokarditis prädisponieren oder nicht (Tabelle 4).

Prädisponierend sind Herzfehler und herznahe Gefäß-anomalien, da sie über eine Störung der physiologischen Blutströmung Endothelläsionen verursachen und die Bildung appositioneller Thromben begünstigen. Diese werden bei Bakteriämien bevorzugt von Erregern besiedelt.

Tabelle 5 fasst diagnostische und therapeutische Eingriffe in unterschiedlichen Körperregionen zusammen, die bei Risikopatienten zu einer Endokarditisprophylaxe führen müssen. In Tabelle 6 sind die therapeutischen Empfehlungen zusammengestellt, die sich bei Patienten mit normalem bzw. hohem Endokarditisrisiko für die Endokarditisprophylaxe ergeben, jeweils mit und ohne Penicillinunverträglichkeit. Diese Therapiemaßnahmen sind an die Empfehlungen der American Heart Association angelehnt. Hier wird nach der ersten Antibiotikagabe eine zweite mit halber Dosis angeschlossen. Diese Empfehlungen gelten für die kalkulierte Therapie. Liegt bei bestimmten Patienten eine Kolonisation mit multiresistenten Erregern vor (z.B. Harnwegsinfekt mit Pseudomonas aeruginosa), so ist die Prophylaxe nach Antibiogramm anzupassen.

Myokarditis
C 2 - 4

Nach ätiologischen Gesichtspunkten können unterschiedliche Myokarditisformen gegeneinander abgegrenzt werden. Soweit ihre Behandlung nicht im Rahmen der entsprechenden Grunderkrankungen an anderer Stelle in diesem Werk dargestellt wird, werden sie im Folgenden kurz besprochen.

Als Faustregel gilt:

Das immunhistopathologische Kriterium für das Vorliegen einer chronischen Myokarditis oder dilatativen Kardiomyopathie mit Inflammation liegt bei > 14 Lymphozyten bzw. Makrophagen/mm3 Myokard.

Therapieziele

Behandlungsrahmen: Bettruhe für 3-4 Wochen, in leichteren Fällen Vermeidung körperlicher Anstrengungen.

Pharmakotherapie

Die eitrige herdförmige Myokarditis kann als Emboliefolge einer bakteriellen Endokarditis und bei bakterieller Infektion anderer Organe auftreten: s. daher Abschnitt "Therapieempfehlungen bei bakterieller Endokarditis".

Kardiomyopathien

Von den Myokarditisformen sind die Kardiomyopathien abzugrenzen. Nach der WHO/ISFC-Klassifikation von 1995 werden als Kardiomyopathien alle Erkrankungen des Herzmuskels bezeichnet, die mit einer kardialen Funktionsstörung einhergehen. Folgende Formen werden unterschieden:

Der Begriff "ischämische Kardiomyopathie" wird nur für den Remodeling-Prozess am nichtinfarzierten, nichtischämischen Myokard reserviert.

Virusmyokarditis

CAVE:

! Da Virostatika bisher fehlen, sind die Möglichkeiten einer aktiven Therapie eingeschränkt.

Der Einsatz von Glukosteroiden ist umstritten und in der Frühphase einer Virusmyokarditis nicht indiziert. Tierexperimentelle Befunde sprechen für eine Steigerung der Virusreduplikation und eine Herabsetzung der körpereigenen Abwehr u.a. durch eine Störung der Interferonsynthese nach Gabe von Steroiden.

Bei den prophylaktischen Maßnahmen spielen Impfungen eine besondere Rolle, um die Infektanfälligkeit herabzusetzen. Gegen Röteln, Influenza A und B, Polio-myelitis und Masern sind potente Impfstoffe vorhanden (vgl. Kapitel S 2, Schutzimpfungen).

Die Behandlung einer Herzinsuffizienz folgt den bekannten Empfehlungen und besteht aus einer kombinierten Therapie mit ACE-Hemmern und β-Rezeptorenblockern. Diuretika können bei ausbleibendem Erfolg die Therapie ergänzen. Eine antiarrhythmische Behandlung erfolgt in üblicher Weise.

Die schwerste Komplikation der Myokarditis ist der kardiogene Schock (Behandlung s. Kapitel C 13 - 12).

Myokarditis bei parasitären Erkrankungen

Spezifische Präparate gegen die Chagas-Erkrankung sind in der klinischen Erprobung. Die Erkrankung kommt häufig in Südamerika vor.

Myokarditis bei Pilzerkrankungen

Bei Candidiasis und Aspergillosis:
Amphotericin B: 0,25-1 mg/kg KG in Kombination mit Flucytosin (Ancotil®).

Nebenwirkungen

Infektiös-toxische Myokarditis

Diese tritt vor allem bei Diphtherie auf (vgl. Kapitel S 3.8).

Behandlung:

Die primäre Prävention durch Immunisierung ist das Mittel der Wahl zur Verhütung der Diphtherie.

Aktinomykose

Ampicillin oder Tetracycline, evtl. in Kombination mit Clindamycin oder Metronidazol.

Seltene Myokarditisformen

Eine Myokarditis kann auch bei diversen anderen Grunderkrankungen auftreten. Zu deren Behandlung s.

Die Myokarditis ungeklärter Ätiologie wird symptomatisch behandelt.

Perikarditis
C 2 - 5

Von einer akuten Perikarditis wird eine chronische Form mit und ohne Kompression des Herzens abgegrenzt. Tabelle 7 bietet eine Übersicht über die Ätiologie der akuten, Tabelle 8 der chronisch-entzündliche Perikarditis.

Tabelle 7: Ursachen akuter Perikarditiden (nach Schölmerich et al. 1989).

  • Idiopathische Perikarditis
  • Infektiöse Perikarditis (Tuberkelbakterien, pyogene Erreger, Viren, Rickettsien, Pilze, Parasiten, Spirochäten usw.)
  • Perikarditis bei Herzinfarkt
  • Allergische Perikarditis (Serumkrankheit, Postperikardiotomie-Syndrom, Postmyokardinfarkt-Syndrom, Arzneimittelallergie usw.)
  • Rheumatische Perikarditis
  • Perikarditis bei so genannten Kollagenkrankheiten (primär chronische Polyarthritis, Morbus Reiter, Morbus Sjögren, Morbus Felty, Morbus Bechterew, Lupus erythematodes disseminatus, Sclerodermia diffusa, Dermatomyositis, Panarteriitis nodosa)
  • Perikarditis bei Stoffwechselstörungen (renale Insuffizienz, Addison-Krise, diabetisches Koma, Cholesterin-Perikarditis)
  • Traumatische und postoperative Perikarditis
  • Tumor-Perikarditis
  • Perikarditis bei dissezierendem Aortenaneurysma

Tabelle 8: Ursachen einer chronischen und einer konstriktiven Perikarditis (nach Schölmerich et al. 1989).
Chronische Perikarditis

  • Chronisch-idiopathischer Perikarderguss
  • Tuberkulöse Perikarditis
  • Cholesterin-Perikarditis
  • Chyloperikard
  • Urämische Perikarditis
  • Neoplastische Perikarditis
  • Perikarditis bei Kollagenkrankheiten

Konstriktive Perikarditis

  • Tuberkulose
  • Bakterielle Erkrankungen
  • Thoraxtrauma
  • Idiopathische Perikarditis
  • Pilzerkrankungen
  • Parasitäre Erkrankungen
  • Strahleneinwirkung
  • Cholesterin-Perikarditis
  • Rezidivierendes Hämoperikard
  • Herz- und Perikardtumoren

Therapieziele

Behandlungsmaßnahmen

Je nach Schwere der klinischen Situation und der vorhandenen Grunderkrankung ist Bettruhe über Tage notwendig. In vielen Fällen ist jedoch lediglich die Vermeidung von körperlichen Anstrengungen zu empfehlen.

Pharmakotherapie und andere Behandlungsverfahren

Weiterführende Literatur
  1. Baughman K L, Wynne J: Myocarditis. In: Zipes D P, Libby P, Bonow R O, Braunwald E (Hrsg.): Braunwald's Heart Disease. Esevier-Saunders, Philadelphia (2005)
  2. Cooper L T: Myocarditis. In: Murphy J G (Hrsg.): Mayo Clinic Cardiology Review. Lippincott Williams & Wilkins, Philadelphia (2000)
  3. Dajani A S, Bisno A L, Chung K J et al.: Prevention of bacterial endocarditis. Circulation 83 (1991) 1174
  4. Doerr W: Morphologie der Myokarditis. Verh. dtsch. Ges. inn. Med. 77 (1971) 301
  5. Gahl K: Infektiöse Endokarditis. Steinkopff, Darmstadt (1984)
  6. Karchmer A W: Infektiöse Endokarditis. In: Zipes D P, Libby P, Bonow R O, Braunwald E (Hrsg.): Braunwald's Heart Disease. Esevier-Saunders, Philadelphia (2005)
  7. Lewinter M M, Kabbani S: Pericardial Diseases. In: Zipes D P, Libby P, Bonow R O, Braunwald E (Hrsg.): Braunwald's Heart Disease. Esevier-Saunders, Philadelphia (2005)
  8. Lode H, Schaberg T, Höffken G, Schröder R: Klinik der Endokarditis. Immun. Infekt 19 (1991) 42
  9. Maisch B: Einteilung der Kardiomyopathien nach der WHO / ISFC Task Force - mehr Fragen als Antworten? Med Klein 93 (1998) 199-209
  10. Maisch B: Autoimmunerkrankungen des Herzens. Internist 31 (1990) 26
  11. Niebel J: Empfehlungen zur Behandlung der infektiösen Endokarditis. Dtsch. med. Wschr. 115 (1990) 1110
  12. Oh J K: Pericardial Disease. In: Murphy J G (Hrsg.): Mayo Clinic Cardiology Review. Lippincott Williams & Wilkins, Philadelphia (2000)
  13. Patel R, Steckelberg J M: Infections of the Heart. In: Murphy J G (Hrsg.): Mayo Clinic Cardiology Review. Lippincott Williams & Wilkins, Philadelphia (2000)
  14. Saborowski F: Entzündliche Herzerkrankungen. In: Siegenthaler W, Kaufmann W, Hornbostel H, Waller H D (Hrsg.): Lehrbuch der inneren Medizin. Thieme, Stuttgart (1984)
  15. Schölmerich P, Maisch B, Just H: Entzündliche Herzmuskelerkrankungen. In: Schölmerich P, Just H, Meinertz T (Hrsg.): Myokarderkrankungen, Perikarderkrankungen, Herztumoren. Handbuch der inneren Medizin, Bd. IX/5. Springer, Berlin (1989)