4 Glomeruläre Nierenkrankheiten
Redaktion: O. Flöge, T. Risler, K. Kühn
Autoren und Kommentatoren: R. A. K. Stahl, D. Schlöndorff, N. Braun, W. Boesken, K. Kühn, T. Risler

Stand: Dezember 2004

Definition und Basisinformation

Glomerulonephritiden (GN) sind vorwiegend immunologisch vermittelte Erkrankungen, die diffus oder fokal, d.h. nur in einzelnen Glomeruli, und innerhalb der Glomeruli segmental oder global auftreten. Wichtige klinische Manifestationstypen beinhalten eine nephrotische Verlaufsform (Ödeme, Proteinurie über 3,5 g/Tag, Hypoproteinämie, Hyperlipoproteinämie) und rapid progrediente Verläufe (Nierenfunktionsverlust in Wochen bis Monaten). Die dritte klinische Verlaufsform, das "nephritische Syndrom" (Hämaturie, Hypertonie, nicht-nephrotische Proteinurie) geht fließend in oligosymptomatische Verläufe über. Die individuelle Prognose und Verlaufsformen einzelner GN sind prinzipiell hochvariabel, häufig lassen sich aber prognostisch wichtige Parameter bzw. typische Verläufe identifizieren (s.u.). Bei allen progredienten GN findet sich sekundär eine Schädigung des renalen Tubulointerstitiums. Von den GN werden die Glomerulopathien unterschieden, denen nicht primär entzündliche, krankhafte Veränderungen der Glomeruli zugrunde liegen (z.B. diabetische Nephropathie, renale Amyloidose).

Klassifikation

Primäre GN: Klinisch pathologische Befunde sind (weitestgehend) auf die Nieren beschränkt. Klassifikation nach dem histologischen Befund:

Sekundäre GN und Glomerulopathien bei System-erkrankungen (die glomeruläre Schädigung stellt nur einen Teil der Gesamtschädigung des Organismus dar):

Tabelle G.4-1: Klassifikation der Lupusnephritis sowie Therapievorschläge (nach Vorschlag der International Society of Nephrology/Renal Pathology Society, 2003) (22).
KlasseMorphologieImmunsuppressive Therapie
Klasse Iminimale, mesangiale Lupusnephritiskeine
Klasse IImesangioproliferative LupusnephritisKortikosteroide
Klasse IIIfokale Lupusnephritis (mit Angabe des Prozentsatzes von Glomeruli mit aktiven sowie sklerotischen Veränderungen)Kortikosteroide + Cyclophosphamid bei überwiegend aktiven Läsionen
Klasse IVdiffuse, segmentale (IV-S) oder globale (IV-G) Lupusnephritis (mit Angabe des Prozentsatzes von Glomeruli mit fibrinoiden Nekrosen und zellulären Halbmonden)Kortikosteroide + Cyclophosphamid bei überwiegend aktiven Läsionen
Klasse Vmembranöse Lupusnephritis (Klasse V kann in Kombination mit Klasse III oder IV existieren)Kortikosteroide + Cyclophosphamid bei überwiegend aktiven Läsionen, sofern Kombination mit Klasse III oder IV; immunsuppressive Therapie bei isolierter Klasse V nicht gut gesichert
Klasse VIfortgeschrittene, sklerosierende Lupusnephritis
Zusätzlich soll das Ausmaß (mild, mäßig, schwer) von tubulärer Atrophie, interstitieller Infiltration sowie die Schwere arteriosklerotischer und anderer vaskulärer Läsionen angegeben werden.
Indikationen zur Diagnostik
Hinweise aus der Anamnese und dem klinischen Befund

Anamnese:

Klinische Befunde:

Diagnostik

(s.a. Kap. G1 Diagnostische Methoden in der Nephrologie)

Urinuntersuchungen:

Blutanalysen:

Bildgebende Verfahren:

Indikationen zur Nierenbiopsie: s. Kap. G1

Weitergehende Diagnostik: z.B. Augenfundusunter-suchung bei Hypertonie und Diabetes, 24-h-Blutdruckmessung.

Differential- und Ausschlußdiagnostik

Zur akut verlaufenden GN:

Zur chronisch verlaufenden GN:

Zur GN mit schweren Ödemen:

Therapie der primären glomerulären Erkrankungen

Allgemeine Therapieziele:

Allgemeine ("supportive") Maßnahmen bei chronisch progredienter Erkrankung (3, 11, 23):

Immunsuppressive Therapie: s. einzelne Entitäten

Voraussetzung: Histologisch gesicherte Diagnose mit deutlichen Aktivitätszeichen. Kontraindikation: sonographisch bilaterale Schrumpfnieren (< 9 cm), deutliche histologische Chronizitätszeichen (tubulointerstitielle Fibrose), GFR unter 20-30 ml/min (Ausnahme: Einzelfälle immunologischer Systemkrankheiten, z.B. ANCA positive Vaskulitis).

Spezielle Therapieempfehlungen: Vor Einleitung spezieller Therapien muß eine sekundäre Genese ausgeschlossen werden. Bei Patienten mit primären GN liegen für viele klinische Situationen keine eindeutigen Therapieempfehlungen vor. Dies gilt insbesondere für die langfristige Therapie der meist chronisch verlaufenden Erkrankungen, wie z.B. Fragen zur remissionserhaltenden Therapie bzw. der Therapie von Rezidiven. Die Therapie von Patienten mit chronischen GN sollte daher vorzugsweise durch spezialisierte Zentren bzw. Nephrologen erfolgen. Zusätzlich sollte immer geprüft werden, ob solche Patienten im Rahmen von Studienprotokollen behandelt werden können. Angesichts der hoch-variablen Verläufe müssen vor Einsatz von Immunsuppressiva (z.B. Kortikosteroide, Cyclosporin A, Cyclophosphamid) oder immunmodulierenden Maßnahmen (z.B. Plasmapherese, Immunadsorption) prognostische Faktoren herangezogen werden, die einen progredienten Verlauf anzeigen. In der Regel sind dies:

Verlaufskontrolle

Klinik: Körperliche Untersuchung, Kontrolle von Körpergewicht, Ödemen und Blutdruck (einschließlich 24-h-Blutdruckmessung).

Laborparameter (entsprechend der Grunderkran-kung und Komplikationen):

Sonstige Maßnahmen: Sonographie.

Spezifische Therapie
Minimal-change-Nephropathie (MCN)

Die MCN führt nicht zu einer chronischen Niereninsuffizienz, birgt aber Risiken durch die meist nephrotische Proteinurie. Kortikosteroide bewirken überwiegend eine Remission, wobei ältere Patienten später ansprechen (bis zu 12 Wochen) als jüngere (etwa 4 Wochen). Eine immunsuppressive Therapie ist bei schweren Nebenwirkungen der Kortikosteroide, häufigen Rezidiven oder Steroid-Resistenz indiziert. Ein Therapieversagen kann bedingt sein durch eine in der Biopsie nicht erkannte fokal segmental sklerosierende Glomerulonephritis.

Fokal-segmental sklerosierende Glomerulonephritis (FSGS)

Etwa 40% der Patienten reagieren auf eine 4- bis 9monatige Therapie mit Prednisolon 1-2 mg/kg Körpergewicht mit einer kompletten Remission, die, wenn sie anhält, eine gute Prognose hinsichtlich der Nierenfunktion anzeigt. Tritt ein Rezidiv erst nach > 6 Monaten auf, ist eine erneute Steroidtherapie sinnvoll. Kommt es zu einem sehr frühen Rezidiv (während oder direkt nach der Therapie) oder zu multiplen Rezidiven kann eine Therapie zusammen mit Immunsuppressiva (z.B. Cyclosporin A) die Remission stabilisieren. Bei einer Steroidresistenz ist die Gabe von Cyclosporin A besser geeignet eine komplette Remission (13-21%) zu erzielen als Cyclophosphamid, das nicht erfolgreicher ist als eine Kortikosteroidtherapie. Nach 4 Jahren hatten in der mit Cyclosporin A behandelten Gruppe 72% noch eine ausreichende Nierenfunktion im Gegensatz zu 49% in der Plazebogruppe (5). Allerdings kam es nach Absetzen des Cyclosporin in 60% der Fälle zu einem Rezidiv.

Therapie:

Bei nur partiellem Steroideffekt oder Rezidiv nach-Cyclosporin-A-Therapie:

Immunadsorption oder Plasmapherese ist als Heilversuch bei therapieresistenter fokal-segmentaler GN vertretbar (Empfehlungsgrad B; 15). In ca. 60% der Patienten kann eine vorübergehende Remission mit Verbesserung der Nierenfunktion erzielt werden. Ein Rückfall der Erkrankung wird regelmäßig nach Beendigung der extrakorporalen Behandlung beobachtet.

Mesangioproliferative Glomerulonephritis (IgA-Nephropathie)

Der natürliche Verlauf der Erkrankung reicht von dauerhaft normaler Nierenfunktion bis zum rasch progredienten Nierenversagen. Im Langzeitverlauf tritt eine terminale Niereninsuffizienz bei 20-30% der Patienten nach 20 Jahren ohne therapeutische Intervention auf (Prognoseparameter: s.o.).

Therapie bei Vorliegen von Risikofaktoren (8, 9):

Sonderfall: Purpura Schoenlein-Henoch

Therapie: Bei glomerulären intra- und extrakapillären Proliferationen Therapie wie bei rapid-progressiver Glomerulonephritis (s.u.), eventuell i.v. Gabe von Immunglobulinen möglich (Empfehlungsgrad D). Sonst therapeutisches Vorgehen wie bei IgA-Nephropathie.

Membranöse Glomerulonephritis

Vor allem im höheren Lebensalter muß zunächst eine sekundäre Genese ausgeschlossen und möglichst beseitigt werden (Malignom, Infekt, Autoimmunkrankheit, Medikamenten-Nebenwirkung). Etwa 20% der Patienten erleiden innerhalb von 5 Jahren eine terminale Niereninsuffizienz, 20% eine komplette Remission, 30% haben eine Proteinurie mit langsam fortschreitender Niereninsuffizienz, 30% haben eine Proteinurie ohne nennenswerte Nierenfunktionsver-schlechterung.

Empfehlung:

Membranoproliferative (mesangiokapilläre) Glomerulonephritis

Die Erkrankung ist in ihrer idiopathischen Form selten und betrifft hauptsächlich Kinder und junge Erwachsene. 50-60% der Patienten werden innerhalb von 10-15 Jahren dialysepflichtig. Histologisch werden drei Typen unterschieden. Die Wirksamkeit immunsuppressiver Therapieansätze ist ausschließlich für die Behandlung des nephrotischen Syndroms, nicht aber für die Progression der Niereninsuffizienz gesichert.

Therapie:

Durch 3×75 mg Dipyridamol und 3×325 mg Acetylsalicylsäure pro Tag kann mittelfristig, jedoch nicht über einen 10-Jahres-Zeitraum, eine Besserung der Proteinurie und des Nierenfunktionsverlustes erreicht werden (Empfehlungsgrad B; 7). Bei Nicht-ansprechen der Proteinurie sollte die Therapie nach 6-12 Monaten beendet werden (24).

Akute endokapilläre Glomerulonephritis

Meist sekundäre Immunkomplexnephritis 2-4 Wochen nach Streptokokkeninfektion mit guter Prognose bei Kindern, jedoch in bis zu 20% der Erwachsenen mit dauerhafter Einschränkung der Nierenfunktion.

Therapie:

Rasch progressive Glomerulonephritis (RPGN)

Akut entzündliche, unbehandelt rasch zur terminalen Niereninsuffizienz führende glomeruläre Entzündung unterschiedlicher Ätiologie, histologisch gekennzeichnet durch das Auftreten von extra-kapillären Proliferationsherden ("Halbmonde"). Ungünstige Prognose besteht bei ausgeprägter tubulointerstitieller Fibrose und/oder glomerulärer Sklerose bei Diagnosestellung (s. auch Kap. G 6).

Typ I (Anti-Basalmembrannephritis, Goodpasture-Syndrom):

Therapie:

Typ II (idiopathische rapid-progressive Immun-komplexnephritis):

Typ III (pauciimmune rapid-progressive Glomerulonephritis):

Überwiegend bei Wegenerscher Granulomatose, seltener bei mikroskopischer Polyangiitis und Churg-Strauss-Syndrom:

Abkürzungen

ACE:
Angiotensin Converting Enzyme
ANA:
Antinukleäre Antikörper
ANCA:
Anti-neutrophile zytoplasmatische Anti-körper
ASS:
Acetylsalicylsäure
CRP:
C-reaktives Protein
GFR:
glomeruläre Filtrationsrate
GN:
Glomerulonephritis
kg KG:
Kilogramm Körpergewicht
LDH:
Lactatdehydrogenase
mmHg:
Millimeter Quecksilber
RPGN:
rapid-progressive Glomerulonephritis

Literatur
  1. Bach D, Klein BC, Grabensee B: Long-term clinical course and histopathologic scoring in acute crescentic glomerulonephritis. Ren Fail 19 (1997) 85-98.
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