1 Anämien
H. Heimpel (DGHO), Ulm (korr.), H. Diem (DGHO), Gauting, J. Thomalla (DGHO), Koblenz, H. Cario (GPOH), Ulm, L. Hastka (DGHO), Mannheim, H. Schrezenmeier (DGTI), Ulm, E. Wollmer (DGHO), Marburg

Stand: Mai 2008

1.1 Definition und Basisinformation

Pathophysiologie und allgemeine Diagnostik

Als Anämie wird eine Verminderung der Hämoglobinkonzentration oder des Hämatokrits unter den Bereich einer vergleichbaren Referenzpopulation ("Normalbereich") definiert. Anämien sind Sekundärfolge vieler chronischer entzündlicher und neoplastischer Erkrankungen und Teilbefund der meisten Blutkrankheiten.

Eine Verminderung der Hämoglobinkonzentration und/oder der Erythrozytenzahl kann Folge einer verminderten Erythrozytenbildung bei Hypo-/Aplasie der Erythropoese (z.B. aplastische Anämie) oder ineffektiver Erythropoese (z.B. megaloblastäre Anämie), einer verminderten Hämoglobinbildung (z.B. Eisenmangel), einer Verteilungsstörung (z.B. physiologische Schwangerschaftsanämie, Hypersplenismus) oder einer Verkürzung der Erythrozytenüberlebenszeit (Hämolyse, Blutung) sein. Mischformen sind vor allem bei sekundären Anämien häufig.

Eine Anämie im Sinne der genannten Definition ist Ausdruck einer Verminderung der Gesamtmasse der Erythrozyten im Gefäßsystem, die mit in der klinischen Diagnostik nicht mehr verwendeten Isotopenverdünnungsmethoden gemessen werden kann. Ausnahmen sind:

Jede Anämie ist ein Signal zur Abklärung einer zugrunde liegenden Erkrankung oder eines zugrunde liegenden Mangelzustands. Die Behandlung mit Eisen, Vitamin B12, Folsäure oder anderen Vitaminen ohne Beweis oder begründeten Verdacht auf einen spezifischen Mangelzustand ist medizinisch und wirtschaftlich nicht vertretbar und wegen der Gefahr einer Diagnoseverzögerung potenziell gefährlich! Dasselbe gilt für die Gabe von rhu-Erythropoetin (EPO) zur Stimulation der Erythropoese, da bei fast allen Anämien mit Ausnahme der renalen Anämie die endogene EPO-Bildung und die EPO-Konzentration im Plasma normal oder erhöht ist.

Eine Verminderung der Erythrozytenzahl bei (noch) im Referenzbereich liegenden Hb- und Hkt-Werten ist Ausdruck einer Makrozytose, am häufigsten bei chronischem Alkoholkonsum. Falls dieser nicht eindeutig nachgewiesen wird, Differenzialdiagnose wie bei makrozytärer Anämie.

Referenzwerte und Bewertung von Laboratoriumsbefunden

Bei Kindern sind die altersentsprechenden Referenzbereiche zu beachten (L1).

Alte Menschen: Längsschnittuntersuchungen zeigen ein leichtes Absinken der Hämoglobinkonzentration mit steigendem Lebensalter bei "Gesunden" jenseits des 65. Lebensjahres, vor allem bei Männern. In der Mehrzahl wird dabei ein Schwellenwert von 12 g/dl nicht unterschritten (14). Bei über 65-Jährigen mit Hämoglobinkonzentrationen unterhalb dieses Grenzwerts, bei über 80-Jährigen unterhalb von 11 g/dl findet man bei ausreichend intensiver Diagnostik oder mittelfristiger Verlaufsbeobachtung in über 90% eine zugrunde liegende Organerkrankung oder Fehlernährung (1). Es erscheint also vernünftig, die genannten Werte als Indikation zur Abklärung einer wahrscheinlich zugrunde liegenden, potenziell therapiebedürftigen und möglicherweise therapierbaren Grunderkrankung zu betrachten.

Schwangerschaft: Zwischen mens 1 bis 3 Abfall von Hb und Hkt bis auf etwa 11 g/dl bzw. 38%, zwischen mens 3 und 9 auf 10 g/dl bzw. 35%.

Werte im unteren Normalbereich: Hb-Werte im unteren Grenzbereich von 12–14 g/dl können eine Indikation zur Abklärung einer potenziell therapiebedürftigen Grunderkrankung darstellen, wenn ein vorher gemessener Hämoglobinwert ohne erkennbare Ursache über 1 g/dl innerhalb von Wochen oder Monaten abfällt, das mittlere Zellvolumen (MCV) und/oder der mittlere Hämoglobingehalt der Zelle (MCH) aus dem (altersunabhängigen) Referenzbereich auswandern, nicht-normale Leukozyten- oder Thrombozytenwerte auffallen oder zusätzliche Symptome oder Befunde eine organische Erkrankung nahe legen.

Retikulozyten: Werden heute mit hoher Präzision durchflusszytometrisch nach Oxazenfärbung aus derselben Probe wie die anderen Blutbildwerte gemessen.

Referenzbereich 0,5–2,5%. Allerdings Unterschiede verschiedener Zählgeräte! Achtung: Werte teilweise noch in ‰ angegeben.

Relativer Wert umgekehrt (aber nicht linear) proportional der Verweildauer der Erythrozyten im Blut, deswegen erhöht bei Hämolyse oder Blutung oder in der Regenerationsphase nach Aplasie oder bei EPO-Behandlung.

Absoluter Wert Angabe in G/l = 109/l = 103/µl, Referenzbereich 25–100. Wert proportional der Bildungsrate der Erythrozyten. Bei einigen Blutbildautomaten höhere Referenzwerte von 50–100 (11).

Tabelle B.1-1: Ätiologische und pathogenetische Klassifikation der Anämien. Anämien bei denen die Diagnose nur im Kindesalter gestellt wird sind nicht berücksichtigt.
1Anämie durch inadäquate Produktion/ineffektive Erythropoese
1.1Mangel an Nährstoffen/Hormonen
1.1.1Eisenmangel
1.1.2Vitamin-B12-Mangel
1.1.3Folsäuremangel
1.1.4Erythropoetinmangel (Nierenerkrankung)
1.1.5Endokrinopathien (Unterfunktion von Hypophyse, Schilddrüse, Gonaden, Nebenniere)
1.2Suppression oder Aplasie der Erythropoese
1.2.1Toxisch (Zytostatika, Alkohol)
1.2.2Bestrahlung größerer Skelettabschnitte
1.2.3Aplastische Anämie
1.2.4Fanconi-Anämie
1.2.5Isolierte aplastische Anämie = pure red cell aplasia
1.2.6Bei chronischen Erkrankungen (heterogene Pathogenese, z.T. Eisenverwertungsstörung, verkürzte Erythrozytenlebenszeit, zusätzlich Blutverluste)
– chronische Infektionen (z.B. Endokarditis, Osteomyelitis, Tbc, AIDS)
– chronisch-entzündliche Erkrankungen (z.B. rheumatoide Arthritis, SLE, Polymyalgia rheumatica, Morbus Crohn)
– Tumorerkrankungen
– Lebererkrankungen
1.3"Verdrängung" der normalen Erythropoese
1.3.1Knochenmetastasen solider Tumore
1.3.2Akute Leukämien (s. dort)
1.3.3Myelodysplastische Syndrome (MDS, s. dort)
1.3.4Chronische myeloproliferative Erkrankungen (CML, OMF/OMS, s. dort)
1.3.5Lymphome (s. dort), Plasmozytom (s. dort)
1.3.6Speicherkrankheiten, Knochenmarktuberkulose, andere Granulome
1.4Seltene hereditäre Anämieformen
1.4.1Kongenitale dyserythropoetische Anämien (CDA)
1.4.2Kongenitale sideroblastische Anämien
2Anämie durch gesteigerten Abbau von Erythrozyten
2.1Extrakorpuskuläre Ursachen
2.1.1Autoimmunhämolytische Anämie
– unbekannter Genese ("idiopathisch")
– bei Lymphomen
– SLE, andere Kollagenosen
– Medikamente (z.B. Alpha-Methyldopa, Penicillin)
– postinfektiös (EBV, Mykoplasmen)
2.1.2Direkte toxische Effekte (Malaria, Clostridien, M. Wilson, Vergiftungen)
2.1.3Mechanisch-hämolytische Anämie
– Herzklappen/Gefäßprothesen
– DIC/Sepsis
– TTP/hämolytisch-urämisches Syndrom
2.2Erythrozytenmembrandefekte
2.2.1Paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (PNH)
2.2.2Hereditäre Sphärozytose/Elliptozytose
2.3Defekte des Erythrozytenstoffwechsels
2.3.1Störungen der Glykolyse und des Hexosemonophosphat-Shunts (z.B. Pyruvatkinase-, G-6-PDH-Mangel)
2.3.2Hämoglobinvarianten
– Sichelzellkrankheit
– instabile Hämoglobine
2.3.3Störung der Hämoglobinsynthese (zusätzlich ineffektive Erythropoese): Thalassämien
3Anämie durch Verlust von Erythrozyten
3.1Akute Blutung
3.2Chronische Blutung s. Eisenmangel
4Verteilungsstörung
4.1Physiologische Schwangerschaftsanämie
4.2Hypersplenismus
Tabelle B.1-2: Gruppendiagnose der wichtigsten Anämieformen aufgrund des mittleren Erythrozytenvolumens (MCV), des mittleren Hämoglobingehaltes (MCH), des Serumferritins und der Retikulozytenzahl.
Hämoglobinkonzentration vermindert
hypochrom-mikrozytärnormochrom-normozytärhyperchrom-makrozytär
Ferritin vermindert:Retikulozyten vermindert:Retikulozyten normal:
– Eisenmangelanämie– renale Anämiemegaloblastäre Anämie durch:
– aplastische Anämie– Vit-B12-, Folsäuremangel
Ferritin normal oder erhöht:– seltene Anämieformen– Alkoholismus
– sekundäre Anämie bei– Lebererkrankung
Tumor oder EntzündungRetikulozyten normal:– Plasmozytom
– sekundäre Anämie bei– Zytostatika
Ferritin erhöht:Tumor oder Entzündung
– ThalassämieRetikulozyten erhöht:
– seltene AnämieformenRetikulozyten erhöht:– hämolytische Anämie
mit Eisenverwertungsstörung– hämolytische Anämie– Regenerationsphase
– Regenerationsphase
– Blutungsanämie

Der Retikulozytenproduktionsindex: RPI: (= Retikulozyten%/geschätzte Retikulozytenverweildauer × Hkt/45) berücksichtigt die zu erwartende EPO-gesteuerte Mehrproduktion von Erythrozyten bei Anämie und die dabei geschätzte Verlängerung der Retikulozytenreifungszeit im Blut. Ein Wert von > 3 ist ein Hinweis auf eine ausreichende regulative Mehrproduktion von Erythrozyten bei Anämien, ein Wert von < 1 auf eine relative erythropoietische Insuffizienz.

Reifungsklassen (High, Medium, Low) werden von vielen Automaten angegeben, teilweise auch als Reifungsindex (H + M/L). Angabe in % aller Retikulozyten, Referenzwerte geräteabhängig. Hoher Anteil an H- und M-Retikulozyten bei erhöhten EPO-Werten, bei Beginn der Regeneration z.B. nach Blutung, Regenerationsphase nach Zytostatikatherapie.

Der mittlere Hämoglobingehalt des Retikulozyten CHr, Referenzbereich 28–35 pg. Seine Verminderung ist ein Frühindikator für einen funktionellen Eisenmangel nach EPO-Gabe bei renaler Anämie oder bei anderen Zuständen rascher Regeneration einer supprimierten Erythrozytenbildung.

Klassifikation

Die beste Übersicht ergibt sich aus der Gliederung nach der Ätiologie und dem im Vordergrund stehenden Mechanismus der Anämieentstehung (Tab. B.1-1). Damit überschneidet sich die Gruppierung nach Größe und Hämoglobingehalt der Erythrozyten (Tab. B.1-2) und der Retikulozytenzahl, die neben der Beteiligung anderer Blutzellen den Ausgangspunkt für die ersten Stufen der Differenzialdiagnose darstellt.

Leitsymptome und -befunde

Leistungsabfall, Belastungsdyspnoe, Schwindel, Ohrensausen, Schlaflosigkeit; Blässe, Tachykardie, funktionelle Herzgeräusche, "zufällig" festgestellte Verminderung der Hämoglobinkonzentration oder des Hämatokrits.

Differenzialdiagnostisches Vorgehen

Erythrozytometrie

Mittleres Volumen (MCV) und Hämoglobingehalt (MCH) des Einzelerythrozyten sind als Ausgangsparameter für die Differenzialdiagnose geeignet (s. Tab. B.1-2). Dagegen erwecken MCHC-Werte außerhalb des Referenzbereichs den Verdacht auf Bestimmungsfehler. Ausnahmen sind der schwere Eisenmangel (MCHC niedrig) und die hereditäre Sphärozytose (MCHC hoch). Neue Parameter wie Verteilungsbreite (= Maß für Anisozytose [RDW]) oder der graphische Ausdruck der Größenverteilung können die Analyse von Veränderungen im Labor unterstützen.

Mechanismus der Anämieentstehung

Wichtigster Parameter der Erythrozytenbildung ist die absolute Retikulozytenzahl.

Bei allen unklaren Anämien Durchsicht des peripheren Blutausstrichs!

Knochenmarkdiagnostik

Erst nach Ausschluss einer anderweitig einfacher zu ermittelnden Anämieursache indiziert. Bei der Mehrzahl der mikrozytären Anämien (Ausnahme: Beweis einer sideroblastischen Anämie), renaler Anämie, fast allen sekundären Anämien (Ausnahme Leukämien und Lymphome etc.) entbehrlich. Für Anämiediagnostik immer Aspirationszytologie mit Eisenfärbung. Zusätzlich Histobiopsie bei Panzytopenien, bei Verdacht auf nicht-diffuse infiltrative/neoplastische Knochenmarkveränderung, Markfibrose, Punctio sicca.

1.2 Megaloblastäre Anämien

Definition und Basisinformation

Megaloblastäre Anämien sind Folge einer Thymidilatsynthesestörung, die vielfältige Ursachen haben kann und zu einer ineffektiven Hämopoese mit charakteristischen morphologischen Veränderungen der hämopoetischen Zellen, insbesondere der Erythroblasten, führt. Megaloblastäre Anämie ist eine Knochenmarkdiagnose, die nach anderen Parametern nur vermutet werden kann. Bei schweren Mangelzuständen besteht eine Panzytopenie.

Die Mehrzahl der megaloblastären Anämien ist Folge eines Vitamin-B12- oder Folsäuremangels. Vitamin-B12-Mangel ist fast nie, Folsäuremangel häufig alimentär bedingt. Die Kombination mit Eisenmangel kommt bei beiden Formen vor. Neurologische Störungen und Schleimhautveränderungen sind nicht Folge der megaloblastären Anämie, sondern direkte Folgen des Vitamin-B12-Mangels.

Ursachen sind:

Differenzialdiagnose

Andere makrozytäre Anämien (s. Tab. B.1-2) z.B. Lebererkrankungen, Plasmozytom, chronischer Alkoholkonsum, andere Panzytopenien.

Erstdiagnostik bei Verdacht auf megaloblastäre Anämie

Referenzwerte und Bewertung der Vitaminbestimmung

Vitamin B12 = Cobalamin: Nicht alters- und geschlechtsabhängig 150–800 pmol/l. Bei megaloblastärer Anämie durch Vitamin-B12-Mangel unter 100, meist unter 50 pmol/l. Werte von 100–200 pmol/l sind nicht beweisend. Sie kommen bei Transkobalaminmangel vor und können bei neuropsychiatrischen Störungen ohne Anämie bei alten Menschen Ausdruck eines behandlungsbedürftigen Mangels sein.

Folsäure (im Serum als Methyl-THF vorliegend) 7–36 nmol/l (Vorsicht methodenabhängig, evtl. niedrigerer Referenzbereich). Verminderung u.U. auch bei schwerem Vitamin-B12-Mangel ohne Folsäuremangel, deswegen immer Bestimmung beider Parameter. Nach einer folsäurereichen Mahlzeit rasch ansteigend bei weiter bestehender makrozytärer Anämie, deswegen bei Verdacht sofortige Blutabnahme (gilt nicht für Vitamin-B12-Konzentration) (16, 19).

Erhöhte Serumwerte von Methylmalonat und Homocystein sind empfindliche Parameter von Störungen des Folatstoffwechsels, aber nur in Zweifelsfällen indiziert, vor allem bei älteren Patienten mit durch Vitamin-B12-Mangel bedingten neurologischen Veränderungen, bei denen Blutbildveränderungen und Vitaminkonzentrationen im Grenzbereich liegen. Normalwerte bei vermindertem Serumkobalamin sind ein Hinweis auf Transkobalamin-II-Mangel.

Anschlussuntersuchungen und Verlaufskontrollen

Nach Diagnose eines Vitamin-B12-Mangels (oder bei pathologischem Schilling-Test nach Anbehandlung): Gastroskopie.

Unter Therapie: Serumkalium 2-tägig in der ersten Woche. Dann: wöchentlich, LDH, Zellzählung bis zur Normalisierung des Blutbildes, 5 Tage nach Substitutionsbeginn Retikulozytenkontrolle. Einmalige Kontrolle der Vitaminkonzentration im Serum nach 3 Monaten.

Langfristig: bei Perniziosa jährlich Blutbild und klinische Untersuchung. Nach Feststellung präkanzeröser Veränderungen regelmäßig Gastroskopiekontrolle, sonst nur bei entsprechenden Symptomen (Magenkarzinom relatives Risiko etwa 3, auch Karzinoid des Magens sowie Ösophagus- und Pankreaskarzinom überdurchschnittlich häufig (7, 9)).

Nach Diagnose eines Folsäuremangels: Gastroenterologische Untersuchung falls keine eindeutige Mangelernährung. Unter Therapie wie bei Vitamin-B12-Mangel. Weiter allein Kontrolle der Zellzählung bis zur Normalisierung des Blutbildes.

Therapie

Therapieindikation: bei jedem nachgewiesenen Mangel. Soweit möglich, Beseitigung der zugrunde liegenden Ursache und/oder Substitution.

Vitamin-B12-Mangel: Hydroxocobalamin 1000 µg/Tag i.m. über 5 Tage, dann bis zur Normalisierung des Blutbilds 500 µg wöchentlich, danach lebenslange Erhaltungstherapie mit 500 µg alle 6 Monate (Überschussbehandlung, Erhaltungsbedarf 1–2 µg/Tag) falls zugrunde liegender Defekt nicht korrigierbar. Immer vollständige nachhaltige Normalisierung des Blutbildes. Normalisierung der neurologischen Funktionen, außer in spätdiagnostizierten Fällen.

Hohe Dosen Folsäure können die Anämie bei Perniziosa bessern, nicht aber die neurologischen Funktionsausfälle; Folsäure ist deswegen nicht indiziert!

Folsäuremangel: Folsäure 5 mg/Tag oral bis zur Blutbildnormalisierung. Beseitigung der zugrunde liegenden Ernährungs- oder Assimilationsstörung.

Eisensubstitution nur bei zusätzlichem Eisenmangel.

Prophylaxe in der Schwangerschaft: Bei normaler Ernährung nicht notwendig. Die perikonzeptionelle orale Folsäuresupplementation mit 0,4–1 mg/Tag dient der Verminderung von Neuralrohrdefekten des Kindes (17).

1.3 Hämolytische Anämien

Definition und Basisinformation

Anämien, bei denen ein beschleunigter und gesteigerter Abbau der Erythrozyten entscheidender Mechanismus der Anämiegenese ist. Eine pathogenetisch weniger relevante "hämolytische Komponente" findet sich bei vielen anderen Anämieformen.

Die als "Hämolysezeichen" bekannten Parameter (Retikulozytose, Erhöhung des indirekt reagierenden Bilirubins mit oder ohne Ikterus, Dunkelfärbung von Stuhl und Urin, Verminderung des Serumhaptoglobins) bei chronischen Hämolysen sind Folge des kompensatorisch gesteigerten Erythrozytenumsatzes.

Potenzielle Notfallsituationen, die sofortiges Handeln erfordern:

Einteilung

Nach Ätiologie und Pathogenese (s. Tab. B.1-1):

Differenzialdiagnose

Erstdiagnostik bei Verdacht auf hämolytische Anämie

Weitere Diagnostik bei Verdacht auf erworbene hämolytische Erkrankung

Weitere Diagnostik bei Verdacht auf hereditäre hämolytische Erkrankung

Verlaufskontrollen

Kompensierte hereditäre hämolytische Anämie, keine Behandlung: jährlich Blutbild, Retikulozyten, Bilibrubin, LDH, GPT, AP, Kreatinin, Harnsäure, Ferritin, Sonographie z.A. Cholezystolithiasis:

Transfusionsbedürftige hereditäre Formen: wie oben, zusätzlich Hepatitis- und HIV-Serologie.

Chronische oder schubweise verlaufende autoimmunhämolytische Anämie: dreimonatlich Basisdiagnostik wie oben; jährlich Coombs-Test oder Kälteagglutinintiter, bei klinischem Verdacht erneute NHL- und SLE-Diagnostik.

Therapie
Hereditäre hämolytische Anämien

Eine Therapie sollte erfolgen bei:

Sphärozytose/Elliptozytose: Splenektomie oder subtotale Splenektomie (vorher Impfung mit Meningokokken- und polyvalenter Pneumokokken-Vakzine). Normalsierung des Erythrozytenumsatzes in > 90%. Revakzination einmal nach 5 Jahren.

Andere angeborene Formen:

Autoimmunhämolytische Anämie durch Wärmeautoantikörper (6)

Behandlung einer eventuellen Grundkrankheit wie NHL, SLE. Symptomatische autoimmunhämolytische Anämien bei Lymphomen werden durch zytoreduktive Behandlung allein meist nicht behoben. Bei Verdacht auf medikamentöse Ursache Absetzen des Medikaments.

Immunsuppressive Therapie

Supportive Therapie

Chronische Kälteagglutininkrankheit

Lymphomausschluss regelmäßig im Verlauf. Kälteschutz der Akren, bei Wind auch bei Außentemperaturen unter 20 °C. Einzelerfolge durch Interferon-α, Danazol, Rituximab berichtet. Cyclophosphamid führt oft zu Absenkung des Kälteagglutinintiters, ist aber problematisch wegen Notwendigkeit der Langzeitbehandlung mit erhöhtem Malignomrisiko.

Paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (PNH)

Siehe Aplastische Anämie und verwandte Zytopenien (L2).

Hämolytisch-urämisches Syndrom

Mikroangiopathie mit Hämolyse und akutem Nierenversagen. Häufiger bei Kindern. Bei Erwachsenen selten postinfektiös, besonders nach Shigellen oder verotoxinbildenden Coli: Erhöhte Inzidenz bei Transplantatempfängern, nach Ciclosporin, anderen immunmodulierenden Substanzen, einigen Zytostatika.

Oft dramatischer Beginn, Hämoglobinämieurie, neutrophile Leukozytose, nur teilweise Thrombozytopenie.

Diagnosebeweis: Schistozyten und evtl. rote Vorstufen im Ausstrich!

Differenzialdiagnose: Andere mikroangiopathische hämolytische Anämien, TTP.

Therapie: Notfall! Behandlung durch Spezialisten! Frühzeitige Dialyse. Weitere Maßnahmen wie bei TTP (s. Beitrag B3 Thrombozytopenien).

1.4 Eisenmangelanämie

Siehe Beitrag B2 Eisenmangel und Eisenmangelanämie.

1.5 Thalassämien und Hämoglobinanomalien

Noch vor 30 Jahren waren diese Anämieformen in Deutschland außerordentlich selten. Angesichts der wachsenden Zahl hier lebender Menschen aus den Mittelmeerländern, Südostasien und Afrika hat sich die Situation grundlegend gewandelt. Die schweren Formen werden bei in Europa aufgewachsenen Patienten vorwiegend von Pädiatern diagnostiziert. Bei Neuzuwanderern wird ebenso wie bei den leichten Thalassämieformen die Diagnose dagegen oft vom Internisten gestellt. Von Bedeutung sind wegen ihrer Häufigkeit vor allem die heterozygote β-Thalassämie und wegen ihrer lebensbedrohlichen Krisen die Sichelzellerkrankung.

1.5.1 Thalassämien

Definition und Basisinformation

Genetisch bedingte Störungen der Hämoglobinkettensynthese. Heterozygotie manifestiert sich als Thalassaemia minor mit mikrozytärer hypochromer Anämie oder als Hypochromie ohne Anämie, Homozygotie als Thalassaemia major mit transfusionsbedürftiger Anämie und sekundärer Hämochromatose. Zwischenformen (T. intermedia) sind genetisch inhomogen.

Die unzureichende Hämoglobinsynthese erklärt die Mikrozytose und Hypochromie der leichten Thalassämieformen. Bei der β-Thalassaemia major wird die Anämie durch ineffektive Erythropoese und gesteigerte Hämolyse verursacht.

Symptome und Leitbefunde bei heterozygoter β-Thalassämie (Thalassaemia minor)

Differenzialdiagnose

Alle mikrozytären Anämien, insbesondere Eisenmangel.

Diagnostik

Therapie

Bei Thalassaemia minor keine Therapie. Eisengaben nur bei bewiesenem Mangel unter Ferritinkontrolle.

Behandlung aller anderen Formen durch internistische und pädiatrische Hämatologen. Die Indikation zum Einsatz von Erythrozytensubstitution, Eisenchelatoren, Splenektomie, allogener Stammzelltransplantation richtet sich auch im Erwachsenenalter nach den Ergebnissen der pädiatrischen Therapiestudien (15, 12).

1.5.2 Sichelzellkrankheit

Definition und Basisinformation

Bei der Sichelzellanämie ist das Hämoglobinmolekül durch den Austausch einer Aminosäure derart verändert, dass das Hämoglobin im desoxygenierten Zustand in einen Gelzustand mit gerichteten Strukturen übergeht. Bei homozygoten Merkmalsträgern können die rigiden sichelförmigen Erythrozyten Kapillargebiete verstopfen. Dadurch kann es vor allem in Haut, Leber, Milz, Knochen, Nieren, Retina und ZNS zu Infarkten mit Gewebsuntergang und trophischen Störungen kommen. Die homozygote Sichelzellanomalie äußert sich als schwere Multiorgan-Infarktkrankheit mit krisenhaftem Verlauf. Betroffen sind ausschließlich Menschen aus früheren Malariagebieten, vor allem schwarzafrikanischer Abstammung.

Symptome und Leitbefunde

Differenzialdiagnose

Viele Krankheitsbilder mit akuten Schmerzen, z.B. akutes Abdomen bei Mesenterialinfarkt, akute Porphyrie.

Diagnostik und Therapie

Siehe L3.

1.6 Entzündungs- und Tumoranämien (sekundäre Anämien, ACD = Anemia of Chronic Disease)

Definition und Basisinformation

Im Verlauf länger dauernder entzündlicher oder neoplastischer Erkrankungen tritt regelmäßig eine sekundäre Anämie auf. Pathogenetisch sind wirksam:

Anämien durch Hämolyse, Blutung oder Knochenmarkinfiltration werden, auch wenn sie im Rahmen chronisch-entzündlicher oder neoplastischer Erkrankungen auftreten, nicht den hier besprochenen sekundären Anämien zugeordnet.

Sekundäre Anämien sind meist normochrom, bei einem Drittel der Patienten hypochrom-mikrozytär. Die schwersten Anämien sieht man bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen wie Polymyalgia rheumatica, rheumatoider Arthritis, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, infektiver Endokarditis oder Tuberkulose und disseminierten Tumorerkrankungen.

Symptome, klinischer Befund und diagnoseleitende Laborbefunde

Die Symptomatik wird vorwiegend durch die Grundkrankheit bestimmt. Die Anämie entwickelt sich langsam und ist meist nur mäßig ausgeprägt. Anämiesymptome treten vor allem bei älteren Patienten auf.

Die Hämoglobinkonzentration fällt selten unter 8 g/dl ab. Niedrigere Werte sollten an zusätzliche Blutverluste denken lassen und zu entsprechender Diagnostik Anlass geben. Die Anämie ist in etwa 30% hypochrom-mikrozytär, sonst normozytär. Die Zahl der neutrophilen Leukozyten und der Thrombozyten ist oft erhöht, insbesondere bei ausgeprägter Entzündungsreaktion mit stark beschleunigter Blutsenkung und erhöhtem CRP.

Differenzialdiagnose

Diagnostik

Therapie

Kausal ist nur die erfolgreiche Therapie der Grunderkrankung wirksam.

Zu einer sekundären Anämie führende chronische Erkrankungen können mit chronischen Blutverlusten und Eisenmangel einhergehen. Nur dabei ist Eisensubstitution indiziert (2, 18). Erythrozytentransfusionen werden nur selten während akut-entzündlicher Phasen, bei zusätzlichen kardiopulmonalen Erkrankungen und bei fortgeschrittenen Tumorerkrankungen erforderlich. In Ausnahmefllen Behandlung mit Erythropoetin: siehe Beitrag B24 Behandlung mit hämatopoetischen Wachstumsfaktoren.

1.7 Renale Anämie

Jede chronische Niereninsuffizienz mit Erhöhung des Serumkreatinins auf mehr als das Dreifache der Norm führt zu einer renalen Anämie, für die eine ungenügende Erythropoetinbildung verantwortlich ist. Zusätzlich ist bei einem Teil der Patienten die Erythrozytenlebenszeit mäßig verkürzt. Im Gegensatz zu allen anderen Anämieformen ist die Erythropoetinkonzentration im Serum nicht oder bei leichteren Formen nur inadäquat erhöht. Die Anämie ist normozytär, die übrigen Blutzellen sind normal. Die Anämie bei dialysepflichtiger Niereninsuffizienz wird durch Behandlung mit rekombinantem Erythropoetin in Dosen von etwa 50 Einheiten/kg nach jeder Dialyse und zusätzlicher Eisensubstitution beseitigt. Ob dabei eine normale Hbf-Konzentration angestrebt werden soll ist umstritten (3, 8). Die Anämie verschwindet nach erfolgreicher Nierentransplantation (s. Beitrag G12).

Leitlinien
  1. L1GPOH: Anämiediagnostik im Kindesalter. Urban & Fischer/Elsevier, München 2007, I6
  2. L2DGHO: Aplastische Anämie und verwandte Zytopenien. http://www.dgho.de/_cmsdata/_file/file_114.pdf
  3. L3GPOH/DGHO: Sichelzellkrankheit. http://www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/025-016.htm
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